|
|
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
Spannend, aber dennoch durchschnitttlich Kate Klimo: „Der frechste Drache der Welt – Die Suche nach dem geheimen Buch“ Von Iris Kersten
Jesse und Daisy, Cousin und Cousine, haben ein vier Wochen alte Drachenmädchen in ihrer Garage versteckt: Emmy. Sie kann sprechen, isst am liebsten Kohl, bekommt gern Geschichten vorgelesen („Aber nicht Hänsel und Gretel. Zu schrecklich.“), beherrscht den Wetterzauber und wächst ziemlich schnell. Mit ihren vier Wochen hat sie schon die Größe eines Ponys. Zur Tarnung kann sie sich in einen Hund verwandeln. So machen sich die drei Freunde auf den Weg, um das geheime Zauberbuch zurückzuerobern, welches Emmy von dem Drachentöter St. Georg gestohlen wurde. (Die Kinder haben Emmy im ersten Band vor St. Georg gerettet.) Dabei erfahren sie, dass mit der Geburt Emmys (der erste Drache seit hundert Jahren) die Geister der vier Elemente wieder geweckt wurden und dass St. Georg sich die Elementargeister nun unterwerfen will, um sich ihrer Zauberkraft zu bedienen. Das müssen die Kinder und der Drache natürlich verhindern, wobei sie von einem Internetkontakt, dem Drachenexperten Professor Anderson, beraten und von der Nachbarin Miss Alodie und den Baumgeistern mit Magie unterstützt werden. Geschrieben ist das Buch zwar in einer bildreichen Sprache, wirkt aber dennoch salopp beziehungsweise umgangssprachlich: „Jesse rappelte sich auf und raste hinter ihr her über die Weide. Die Planierraupe verfolgte sie gnadenlos. […] Während Jesse zu der dunklen Wand aus Bäumen aufsah, […] stellte er sich plötzlich vor, wie St. Georg in den Wald fuhr und mit der Planierraupe hektarweise Bäume umnietete.“ Lustig wird es durch Emmys verdrehte Sprichwörter oder wenn sie etwas falsch versteht (eigentlich ist sie ja mit vier Wochen noch ein Baby). Die Geschichte ist zwar spannend aufgebaut (erinnert ein wenig an Harry Potter), wirkt aber teilweise sehr an den Haaren herbeigezogen, und die Zufälle sind sehr konstruiert (zum Beispiel ist Professor Anderson der verschwundene Bauer vom Nachbarhof, der natürlich weiß, wo die goldene Spitzhacke liegt, die die Kinder zur Befreiung der Koboldkönigin brauchen) und dass die Autorin die Kobolde Matschtränen weinen lässt, finde ich persönlich absolut unmöglich. Außerdem frage ich mich, ob Achtjährige das verstehen: „[...] Auch wenn es vielleicht für euch nicht offensichtlich ist“, sagte sie [die Koboldkönigin] hochnäsig, „so zählen wir doch zu den Wesen der Ätherischen Ebene.“ Dies ist der zweite Band vom frechsten Drachen der Welt. Die Übersetzung des Titels „The dragon in the driveway“ hat im Übrigen nicht nur mit dem Original nichts mehr zu tun, sondern ist auch inhaltlich komplett falsch, da Emmy absolut kein frecher, sondern ein sehr lieber Drache ist. Das Ende weist auf einen Folgeband hin (die Konsumwirtschaft lässt grüßen), in dem die Kinder das Geheimnis um den Drachenschatz lüften werden. Ein sicherlich spannendes, dennoch durchschnittliches Buch mit teils schwer verständlichen Passagen für Kinder ab 8 Jahren
Arena Verlag 2010 226 Seiten, 12,95 Euro ISBN: 978-3401063539
Tolle Impulse, wenig Atmosphäre Cornelia Funke: „Geisterritter“ Von Ada Bieber
Die deutsche Schriftstellerin aus L.A. ist auf der Höhe ihres Erfolges: Nach sämtlichen Kinderbucherfolgen hat Cornelia Funke in den letzten Jahren vor allem mit ihrer ›Tintenwelt-Trilogie‹ für jugendliche Leser und zuletzt mit „Reckless“, dem ersten Jugendroman einer neuen Trilogie, von sich reden gemacht. Nun hat Funke ihre Arbeit an der neuen Trilogie unterbrochen und einen Roman für jüngere Leser (ca. ab 10) auf den deutschen Buchmarkt gebracht. Dieser hat ein englisches Internat, Geisterreiter sowie zwei heldenhafte Kinder zum Thema. Der Roman bedient nicht nur sämtliche Erfolg versprechende Genres der Kinderliteratur (Internat, Freundschaft, Rittertum, Geister, Liebe, Familie), sondern wird von Autorin und Verlag darüber hinaus auch noch als die Verarbeitung biographischer Erlebnisse und realer Personen präsentiert. Dank Nachwort und Internet können alle Leser diese biographisch wertvollen Hintergrundinformationen schnell und problemlos erreichen. Damit scheint „Geisterritter“ der Erfolg gesichert zu sein, denn nichts beeindruckt viele Leser mehr als eine vermeintliche Wirklichkeit, und nichts scheint dieser Tage wirkungsvoller als eine phantastische Welt in englischen Internaten. Doch machen weder indirekte noch direkte Verweise auf Harry Potter (S. 11) ein Buch zu einem gleichwertigen literarischen Erlebnis. Das weiß auch Cornelia Funke und so probiert sie es mit einer ganz eigenen Szenerie: Der elfjährige Jon kommt nach dem Tod seines Vaters nicht mit der Tatsache zurecht, dass es einen neuen Mann an der Seite der Mutter gibt, und er rebelliert gewaltig, wie er den Leser zurückschauend wissen lässt. Seine penetrante Zurückweisung der neuen Familienverhältnisse veranlasst die Mutter schließlich, ihn auf ein altes Internatsschloss nahe ihres Heimatortes zu schicken. Dort hat Jon kaum Zeit, sich an das neue Internatsleben mit seinen Zimmergenossen Stu und Angus zu gewöhnen, denn schon bald fallen ihn dunkel-phantastische Schrecknisse über ihn her: Er wird von Geistern hoch zu Ross und mit Dämonenhunden an ihrer Seite verfolgt. Es stellt sich heraus, dass Jon aufgrund einer Jahrhunderte zurückliegenden Familiengeschichte von dem rachsüchtigen Geisterritter Stourton gejagt wird und mit dem Leben bezahlen soll. Doch Jon erhält tatkräftige Unterstützung in seinem Kampf gegen die dunklen Geisterritter aus dem Dies- und dem Jenseits. In der Schule freundet er sich mit der hübschen Ella an, die aufgrund ihrer schrulligen, geistergläubigen Großmutter bestens mit Untoten umzugehen weiß. Doch kann Ella ihm nicht nur beim Verstehen aller Hintergründe behilflich sein, sondern ihm auch Lehrstunden in Sachen englische Geschichte geben. Und so rufen die beiden Kinder in der Kathedrale von Salisbury den Kreuzritter William Longspee als guten Geisterritter und Beschützer in die Gegenwart. Dieser Halbbruder von Richard Löwenherz wird zum Beschützer Jons, der ihm am Ende seines Kampfes als Knappe auf außergewöhnliche Weise danken kann. Durch den Ritter erfährt Jon außerdem einiges über das oft grausame Leben der Ritter und lernt im Zuge der Erzählung historische Plätze wie Stonehenge oder Lacock Abby kennen. Damit gibt Funke wieder einmal Impulse für thematische Erweiterungen bzw. die Verbindung ungewöhnlicher Themen in der gegenwärtigen Phantastik. Dass sie diese gewinnbringenden Verknüpfungen beherrscht, hat sie schon mehrfach bewiesen. Doch leider ist– zumal in ihren letzten Veröffentlichungen – auch zu spüren, dass sie diese Ideen nicht immer angemessen mit Leben füllen und weiterverarbeiten kann. So können all die unterschiedlichen Genreeinflüsse, die diversen Informationen zum Rittertum und die historischen Dimensionen die junge Zielgruppe gelegentlich überfordern. Zumindest scheinen sie oftmals zulasten des Atmosphärischen zu gehen. Denn die Erzählung lässt von Anfang an kaum Raum für ausführliche Beschreibungen von Zeit und Raum. Dies ist insofern besonders bedauerlich, als gerade die Hinwendung zum Handlungsort England mit geheimnisvoll-historischer Kulisse dieses atmosphärische Moment benötigt hätte, um jungen Lesern die Relevanz und den Reiz des Ortes näherzubringen. Dies vermögen lediglich die wundervollen farbigen Illustrationen Friedrich Hechelmann, die in ihrer Genauigkeit und beeindruckenden Stimmung weit über den Text hinausgehen. Vor allem jene Illustrationen, die die neblige Düsternis, die nächtlichen Landschaften und die architektonischen Besonderheiten abbilden, sind ein ästhetischer Hochgenuss. Auch das Internatsleben in diesem alten Schloss hätte eine genauere Beschreibung verdient. Es bleibt lediglich blasse Kulisse, von der sich die Autorin möglicherweise erhofft, diese möge bei den Lesern bereits rezipierte Bilder zum Leben erwecken. So geht es mit vielen Reminiszenzen im Text: Sie sind da und lösen bei älteren Lesern sicherlich viele Bilderketten aus, referieren auf Vorwissen und legen literarische Spuren. Den jungen Lesers drohen sie aber in ihrer Flüchtigkeit zu entgehen; sie vermögen eben nicht auf die Spur beispielsweise klassischer englischer Kinder- und Jugendliteratur zu führen, in der nicht selten historische Gemäuer, Schulen und frühere Zeiten thematisiert werden. Auch liefert der Text den jungen Lesern möglicherweise nicht ausreichende Plausibilität und lebensweltlicher Nähe, vor allem dann, wenn die Stereotype einer per se familiär unzuträglichen Patchworksituation oder des unzureichenden Stiefvaters am Romanauftakt stehen. Gleiches gilt für die Klischeevorstellungen über Schule und Internat, die allesamt ein fehlendes detailreiches und atmosphärisch dichtes Erzählen kompensieren sollen. Eben hier liegt die Schwäche des Textes und auch der entscheidende Unterschied zwischen etwa J.K. Rowling und Cornelia Funke. Auch wenn Funke gern mit Rowling verglichen wird, so kann sie doch nicht an sie heranreichen, weil ihr zu häufig die Detailversessenheit und das Gespür für die rechte Stimmung fehlen. Es wäre begrüßenswert, würden Verlag und Autorin zukünftig stärker auf eine stimmige und engmaschige Erzählung setzen. Trotz der ausgeführten Schwächen ist „Geisterritter“ ein bedingt empfehlenswertes Buch für Jungen und Mädchen gleichermaßen. Diese Empfehlung lässt sich vor allem aufgrund der durchgängig farbigen, Sog entfaltenden Illustrationen Hechelmanns aussprechen, die gemeinsam mit der materiellen Ausstattung das Buch zu einem Schmuckstück werden lassen.
Mit Illustrationen von Friedrich Hechelmann Cecilie Dressler Verlag 2011 253 Seiten, € 16,95 ISBN 978-3-7915-0479-7
Peter Härtling: „Paul das Hauskind“ Von Ada Bieber
Peter Härtling, der in den letzten zehn Jahren kein Buch für junge Leser vorlegte, veröffentlicht 2010 mit "Paul das Hauskind" einen Roman für Kinder, der auf eindrückliche Weise die Traurigkeit und das Verlorensein vieler wohlstandsverwahrloster Kinder widerspiegelt. An Paul zeigt der Autor exemplarisch, was ein Kind fühlt und wie hilflos ein Kind sein kann, wenn die sich entfremdeten Eltern nur noch mit ihren beruflichen Verpflichtungen beschäftigt sind. Paul bleibt allein in der Frankfurter Wohnung zurück, während die Eltern in New York und anderen Teil der Welt erfolgreich arbeiten. Die anderen Mieter des Hauses, die einen Querschnitt durch die Gesellschaft mit ihren unterschiedlichen Kulturen und Altersstufen darstellen, fangen Paul regelmäßig auf, kümmern sich um einen gelingenden Alltag und spenden dem Jungen Trost und Unterstützung. So bestechend dieses Gedankenmodell einerseits auch ist, so steif und eindimensional ist es auf der anderen Seite. Das Modell des Mietshauses als eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft, die Probleme von auseinanderbrechenden Familien auffangen muss, der traurige, aber kluge Junge, der nebenbei noch Fahrraddiebe jagen kann und die kulturell und beruflich begabten, aber in Liebesangelegenheiten völlig unfähigen Elternteile kommen in diesem Roman zumeist völlig überzogen und unglaubwürdig daher. Dann hat man beim Lesen stets den moralisierenden Zeigefinger vor Augen und kann daher sämtliche Episoden kaum noch genießen. Diese genannten Situations-, Handlungs- und Figurenanlagen erinnern überdies nicht selten an Steinhöfels "Rico, Oskar und die Tieferschatten", ein Buch, das jedoch nicht moralisierend, sondern heiter und anregend daherkommt, aber dennoch gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen vermag. Härtling hingegen lässt seine Gesellschaftskritik stumpf werden, indem er sie überzieht. So erscheint vor allem die Mutter von Paul als lieblos, verantwortungslos und egoistisch, was vorrangig mit ihrer Berufstätigkeit im Ausland erklärt wird. Es hat den Anschein, dass Härtling wie in Diskussionen längstvergangener Jahrzehnte am Beispiel beruflich erfolgreicher Frauen ein „Entweder-Oder“ von Mutterschaft und erfolgreichem Berufsleben diskutieren möchte. Während die Mutter im gesamten Buch nicht rehabilitiert wird, leidet der ebenfalls aus beruflichen Gründen ständig abwesende Vater ungleich mehr unter den familiären Verhältnissen und der anstehenden Scheidung. Trotz eines Aufenthalts des Vaters in einer Psychiatrie wird Paul am Ende bei ihm bleiben. Der kranke Vater und die Hausgemeinschaft bilden für Paul einen besseren Bezugspunkt als die egoistische Mutter, die trotz aller Verzweiflung ihres Sohnes eine eindimensionale und statische Figur bleibt. Auch wenn Härtling stets als Anwalt der Kinder daherkommt, so scheint ihm dieses Buch in seinem Engagement und in seiner Plausibilität etwas entglitten zu sein; daran ändern auch gelegentlich wahre und feinsinnige Beobachtungen nichts! (Ab 10)
Beltz & Gelberg 2010 182 S., € 12,95 ISBN 978-3-407-79977-7
Christina Adler-Schäfer, Dagmar Kopnarski: „Vom kleinen Spatz, der nicht fliegen wollte“ Von Iris Kersten
„Aber Mama, das Buch ist doch ganz normal.“ Uff! Da hatte ich eine schöne Gute-Nacht-Geschichte versprochen, und nun findet mein Sohn, fünf Jahre alt, sie sei ganz normal. Okay, jetzt einmal ganz von vorn: Wir haben es hier, wie der Titel sagt, mit einem kleinen Spatz zu tun, der nicht fliegen will. Schon sehr ungewöhnlich. Dennoch, er ist kein unsportlicher oder schüchterner Spatz. Neugierig beobachtet der Neugeborene seine Welt: die Schnecke, die sich Zeit lässt und die Spinne, vor der er nicht einmal Angst hat. Außerdem liebt er es, auf seinem Nestrand zu balancieren. Nichtsdestotrotz finden die Eltern, er sollte endlich fliegen lernen. Doch dazu hat der kleine Spatz überhaupt keine Lust. Sie bringen ihn also zur Elster mit dem Flug-o-mat und der Taube, die Blattlaussuppe empfiehlt. Der kleine Spatz reagiert, wie wohl jeder bei Blattlaussuppe reagieren würde, es ekelt ihn: „Igitt“. Und so vergeht ihm die Lust aufs Fliegen letztendlich ganz und gar... bis zu einem unbestimmten Tag, an dem er...ja...langsam die ersten Flugversuche unternimmt, durch die Gegend purzelt („aber das machte ihm gar nichts aus“) und er es schafft: er fliegt. Nette Geschichte, aber mal ganz ehrlich: Kindern ist das klar. Wenn die Zeit reif ist, werden sie diese oder jene Hürde bewältigen. Das Buch ist da wohl eher etwas für ungeduldige Eltern. Die Sprache der Kinder- und Jugendspychotherapeutin (und Autorin) Christina Adler-Schäfer ist kurz und bündig. Kinder werden sie verstehen, aber sie entspricht meines Erachtens nicht einem wohlformulierten runden Text, der auch dem Vorleser Spaß macht. Insgeheim war ich bei der kurzen Erzählung innerlich auf Versform eingestellt gewesen, aber davon keine Spur.Die farbenfrohen und warmen Illustrationen der Diplom-Psychologin Dagmar Kopnarski verwandeln diese „normale“ Geschichte trotz alledem in ein zauberhaftes Bilderbuch. Das Highlight für meine Kinder (drei und fünf) war, als der „kleine, große Spatz“ endlich fliegt und der weisen Eule auf den Kopf macht. Ein echter Brüller! Mein Fazit: Herrliche Bilder in Großformat (DIN A3) mit einer Botschaft für ungeduldige Eltern und Kinder ab 3 Jahren, denen das Selbstvertrauen fehlt. Entscheide jeder selbst.
„Vom kleinen Spatz, der nicht fliegen wollte“ 36 Seiten, 19,90 Euro, Robert Schäfer Verlag 2009 ISBN: 978-3941870017
Nach leicht durchschaubarem Muster Anne Laurel Carter: Amani, das Hirtenmädchen
Der Jungbrunnen Verlag Wien ist ein seit 1923 bestehender Kinderbuch-Verlag, zu dessen bekanntesten Erscheinungen das grandiose "Das kleine Ich bin Ich" gehört (das übrigens gerade in einer viersprachigen Version - Deutsch, kroatisch, serbisch und türkisch – neu erschienen ist). Qualitativ hochwertig ist das Programm, und so habe ich auch das vorliegende Buch mit großen Erwartungen in die Hand genommen…
Von Andrea Livnat
"Amani, das Hirtenmädchen" der in Toronto lebenden Lehrerin und Bibliothekarin Anne Laurel Carter, die für ihre Kinderbücher mehrfach ausgezeichnet wurde, erzählt die Geschichte eines palästinensischen Mädchens. Amani will in die Fußstapfen ihres Großvaters treten und Schafhirtin werden. Gegen den Widerstand ihres Vaters kann sie sich durchsetzen und lernt vom Großvater, die Herde verantwortungsvoll zu führen. Sie geht nicht in die Schule, sondern wird zuhause unterrichtet. Die Tage verbringt sie mit dem Großvater unter freiem Himmel. Nach dessen Tod führt sie die Herde erfolgreich alleine. Das ruhige Leben in dem kleinen Dorf beginnt sich durch den Bau einer Siedlerautobahn zu verändern. Zuerst ist es die Straße, darauf folgen Planierraupen und schließlich wird am Berg des Großvaters, an dessen Abhängen Amanis Schafe weiden, eine jüdische Siedlung gebaut. Doch auch innerhalb der palästinensischen Gesellschaft werden Umbrüche sichtbar. Amanis Bruder geht nach Ramallah zum Studium. Amani lernt über die Vergangenheit ihrer Familie und das schwierige Zusammenleben der unterschiedlichen Familienzweige, das ihr bisher so selbstverständlich erschien. So weit, so gut, ein sehr schönes Buch, denke ich beim Lesen, eine einfühlsame Geschichte über das Leben in der Westbank durch die Augen eines Mädchens, das auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt ist. Mit dem unangenehmen Gefühl im Bauch, wie es wohl enden wird. Und tatsächlich, die Lage eskaliert und damit auch das Gleichgewicht im Buch. Die Autorin habe seit 1971 immer wieder Israel besucht, dort in Kibbuzim gearbeitet, Hebräisch studiert und in Ramallah unterrichtet. Während der Recherchen zum Roman habe sie bei verschiedenen palästinensischen Familien gelebt. Authentisch ist das Buch also, wird dem Leser dadurch versichert. "Der Konflikt um die israelische Siedlungspolitik in Palästina – in vielen Facetten, ohne zu beschönigen, ohne pauschal zu verurteilen", heißt es im Klappentext. Das kann das Buch auf jeden Fall nicht halten. Dass die Siedler, die schließlich den Berg in Beschlag nehmen und Stacheldraht aufziehen, die Olivenernte stören, ist nicht an den Haaren herbeigezogen. Alljährlich gibt es diese Zwischenfälle in der Westbank. Dass sie Amanis Haus abreißen wollen, ihr Hirtenhund erschossen, ihre Schafe vergiftet und der Vater verhaftet werden, das also schließlich die gesamte Existenz der so friedfertigen Familie bedroht wird, wird zwar nicht in rosarot gefärbt, aber es gibt eine klare Pauschalisierung. Die Gewaltbereitschaft und den Fanatismus der Siedler möchte ich keineswegs herunterspielen oder beschönigen. Nur fehlt es an den Facetten auf der anderen Seite. Es ist zwar ab und an die Rede davon, dass es auch andere Möglichkeiten des Widerstandes gibt, keiner ergreift sie jedoch. Nicht nur in Amanis Familie sind alle friedfertig, auch ansonsten wird das Thema der Gewalt von palästinensischer Seite nur durch kurze Hinweise auf Nachrichten im Fernsehen am Rande erwähnt. Gute Juden bzw. gute Israelis tauchen auch auf, das schon. In Form eines Siedlerjungen, den Amani auf ihren Streifzügen mit der Herde kennenlernt, der die Lebensweise seines Vaters ablehnt und am Ende zurück nach New York geht. Und in Form eines Rabbiners, der sich für die Rechte der Palästinenser engagiert und von Amani um Hilfe gebeten wird, nachdem ihr Vater verhaftet wurde. Ansonsten ist das Muster einfach: Auf der einen Seite friedvolle Palästinenser, die das Land, den Boden, die Natur lieben, gewalttätige religiös fanatische Juden auf der anderen Seite. Schade, denn der überwiegende Teil des Buches, empfohlen im Übrigen ab 13 Jahren, ist durchaus gelungen. Noch während ich die letzten Kapitel des Buches las, ereignete sich in der Siedlung Itamar nahe Nablus ein schrecklicher Terrorakt. Palästinenser drangen nachts in das Haus einer jüdischen Familie ein und ermordeten Vater, Mutter und drei Kinder, darunter ein drei Monate altes Baby, dem sie wie den übrigen Opfern die Kehle durchschnitten. Drei weitere Kinder überlebten das Massaker unentdeckt im Nebenzimmer. Es hätte kein so radikales Beispiel gebraucht, um auch diese Seite des Konfliktes darzustellen.
"Amani, das Hirtenmädchen" 159 Seiten, Euro 13,90 Jungbrunnen Verlag 2011 ISBN 978-3702658243
Die Rezensentin ist Chefredakteurin des Magazins hagalil.com.
Ursel Scheffler: Tikitonga Von Miriam Schneider
„Die drei von der Tikitonga“ ist ein kleines Abenteuer von 1997, zum großen Buch 2010 gewachsen: Gestückelte, aus verschiedensten Kinderbüchern herausgezogene Anleihen, die deutliche Parallelen zeigen und doch in dieser Kombination einen leicht eigenen Charakter entwickeln. Wie viel Bekanntes einem da begegnet: Eine kleine Reise durch die Kinderliteratur der Bundesrepublik, von Michael Ende bis Ellis Kaut. Bewusst muss das nicht geschehen sein, es sagt eben auch etwas über den Kontext, in dem das damals junge Kinderbuchgeschehen entstanden ist. Professionellem Vielschreiben der Grande Dame Ursel Scheffler (Jg. 1938) dürfte das geschuldet sein. Doch es ist ein unschädliches Potpourri. Heutzutage geht so ein Buch wie „Tikitonga“ wieder in die richtige Richtung (bis auf das Fazit des Buches: Mit Freundschaft geht alles, auf eine Art, wie wir es von den Janosch-Enten bis zum Umkippen beigebracht bekommen haben; platt). „Tikitonga“ ist ein Buch, das von der Literaturkritik ernsthaft beachtet werden kann. Aber leicht macht es einem das Leben nicht. Denn hier sind Kinderlesefreuden und literarischer Wert schwer zusammenzubringen und nur an wenigen Nahtstellen zu versöhnen. Denn für kleine Selbstleser ist es eine gute und klare Geschichte mit einem stringenten Aufbau. Die Figuren sind lustig, die sprechenden Tiere, die einfach nebeneinander leben können – Katze, Waschbär, Maus etc.- klare, einfache Gemüter, die eifersüchtig, neidisch sind. Man muss nicht viel erklären, und das gefällt Kindern. Dann die Klabautermaus – unsichtbar. Kinder lachen viel bei „Tikitonga“, darüber, wie der Quasselhase alles verdreht, mit den Ohren sieht, mit den Augen hört. Ob das zu wenig originell ist, stellt sich dem lesenden Kind nicht, und es liest mit Spaß. (Ab 7)
"Tikitonga" Mit Illustrationen von Betina Gotzen-Beek 319 Seiten, Euro 14,95 Ravensburger 2010 ISBN 978-3473347971
Sie hat ihren Kästner gelesen. Allein: Geholfen hat es kaum Silke Scheuermann: "Emma James und die Zukunft der Schmetterlinge" Von Ricarda Hochländer
Das Buch von Silke Scheuermann macht Hoffnung. Die deutsche Kinderliteratur scheint sich befreien zu können. Von Pädagogik-Zwängen –keine Spur davon in diesem Buch -, von gesellschaftlich vorgegebenen Milieus und Problemen – keine Spur davon hier – und von dem Abkommen vom literarischen Weg durch die allüberall verkaufte Fantasy – davon ein wenig, nur wenig Spuren hier. Erste Schritte in diese Freiheit tut Silke Scheuermann. Sie sind nicht immer sicher. Die Hauptfiguren in diesem ersten Kinderbuch der Schriftstellerin (die 1973 geborene Autorin hat schon einiges an Romanen und Lyrik veröffentlicht) sind den Lesern sofort nahe. Emma James, auf ihren Jungs-Zweitnamen immer wieder angesprochen, lebt bei Eltern mit wenig Zeit, beide arbeiten, aber vor allem kümmern sich beide mehr um ihren kranken Bruder als um Emma James. Deren Fähigkeit, ein ganz klein wenig in die Zukunft schauen zu können, ist daher auch kein großes Thema in der Familie. Zum Glück, möchte man sagen, denn zwar baut sich auf diesem für ein flottes Buch günstigen Konstrukt –man kann die Hellseherei fallweise einsetzen- die Action auf, aber es bleibt eine kleine, dumme Reminiszenz an die Fantasy-Invasion. Nicht literaturfähig, so jedenfalls nicht. Emma James ist mit Paul befreundet. Der Junge ist wie sie elf Jahre, lebt im Luxus mit seinen steinreichen Eltern zusammen – eher bei seinen steinreichen Eltern: Sie sind nie da und hetzen ihren eigenen Karrieren nach, wissen nicht mal, wie alt Paul wird und sind ne für ihn da. Paul ist von der Schule geflogen und übt sich darin, Geschäftsmann zu werden, während seine Eltern noch keinen Internatsplatz gefunden haben. Ein gelogenes ärztliches Attest befreit ihn von der Schulpflicht und befreit damit die ganze Figur, die so Motor der Handlung sein kann. Paul, der keinen Geldmangel kennt und nur beste Markenkleidung trägt, der im Urlaub in weit entfernte Luxushotels fliegt und der alles, aber auch alles in seinem Zimmer hat, was man sich wünschen kann, hat einen Hundeausführservice gegründet. Man hört die alten Klassenkämpfer bei ihrem Glas Rotwein aus der Toskana geradezu aufstöhnen, die kleinbürgerlichen Pädagogen zittern, aber Paul ist einfach ein rundum gelungener – tja, Pfundskerl. Schon diese Umschreibung erinnert an Erich Kästner, und es ist zu konstatieren, dass die Autorin ihren Kästner gelesen hat. Pünktchen und Anton leben wieder auf, eine Freundschaft, wie sie ein jeder gern mal hätte. Hier dank Paul: Emma James wird ab und zu rot seinetwegen. Das ist nie peinlich und verständlich. Paul ist ein Protagonist, den man aus dem Buch mit herausnimmt und mit dem man ab da zusammen gern Abenteuer erleben ginge. Abenteuer, die einen Anlass haben. Anders als hier. Was für ein auslösendes Moment, mit einem der Hunde zu einem Casting für ein Theaterstück zu gehen?! (ein Begriff, der übrigens vermieden wird, dankenswerterweise, wobei darauf kein Verlass ist: Wird zuerst „eine Suchmaschine“ gesagt, mutiert das später zu „googeln“. Locker geht das alles nicht von den Lippen, scheint es. Es bedarf heute wohl Grundentscheidungen, wie viel ein anspruchsvolles Buch an gesprochener Sprache verträgt.)! Die Sprache in „Emma James“ banalisiert sich selber durch das Schielen auf die Leser, es ist eine Banalität, die Gift ist für all die Personen, die daraufhin in diesem Buch ihre kurzen, kraftvollen Auftritte haben, um dann, leider, wieder Platz zu machen für das Vorankommen in einer konzeptlosen Handlung. Auch wenn es ein Vorteil ist, dass in „Emma James“ nicht einfach ein Strang atemlos bis zum Ende durchgezogen wird. Silke Scheuermann verliert den Faden ihrer eigenen Schriftstellerei immer wieder. Das Gefühl, dass sich hier jemand nicht entschieden hat, nicht die letzte Entscheidung darüber getroffen hat, vernünftige Kinderliteratur zu schaffen oder doch nur das Übliche, Verkäufliche, verwirrt auch die jungen Leser. Was sollen sie mögen an „Emma James“? Sie entscheiden sich für das, was sie eben kennen, was marktgängig ist. Das Qualitätsversprechen an die kaufenden Eltern wird nicht eingehalten. (Ab 10)
"Emma James und die Zukunft der Schmetterlinge" Mit Bildern von Franziska Harvey Fischer Verlag 2010 249 Seiten, Euro 17,95 ISBN 978-3596853878
Die Rezensentin hat in der "Schriftenreihe Essays zur Kinderliteratur" das Heft „Erstickte Hochkultur. Die deutsche zeitgenössische Kinderliteratur –zerrieben zwischen Klientelismus, Partikularinteressen und Vorteilsnahme“ (ISBN 978-3-938531-05-1) publiziert:
Günther Schumann: „Abenteuer am Fuchsbau: Bilder aus dem Leben einer Fuchsfamilie“ Von Anne Spitzner
„Abenteuer am Fuchsbau“ ist laut Klappentext ein Einblick in das Leben und Aufwachsen von Jungfüchsen. Wer jetzt allerdings ein Sachbuch voller Texte und Informationen über die Rotfüchse in unseren Wäldern erwartet, wird bereits auf der ersten Doppelseite enttäuscht. Anstatt über die Rotfüchse schreibt Schumann von seinen eigenen Erfahrungen und dass es ihm gelungen ist, das Vertrauen mehrerer trächtiger Fähen (=Fuchsweibchen) zu gewinnen. Wohlgemerkt, dass es ihm gelungen ist. Über das Wie verliert er kaum ein Wort. Dies war für mich der erste Stolperstein. Vielleicht liegt es daran, dass ich falsche Erwartungen hatte; aber unter dem Titel hatte ich mir etwas anderes vorgestellt. Ich hatte wenigstens mit ein paar Informationen über Füchse gerechnet; doch außer den Erklärungen zu den Bildern gibt es da nichts, und die wenigen Texte sind außerdem weiß auf andersfarbigem Hintergrund gedruckt, was sie an manchen Stellen mehr als schlecht lesbar macht. Die Bilder allerdings sind wirklich schön. Man sieht deutlich, dass es Günther Schumann (auf welche Weise auch immer) geschafft hat, in der Nähe der Fähen und ihres Nachwuchses zu bleiben, ohne dass diese sich durch ihn beeinträchtigt fühlten. Die Jungfüchse spielen völlig ungezwungen miteinander, und die Fähen gehen ihren täglichen Beschäftigungen nach, wie Futtersuche, Säugen oder ihre Jungen von Bau zu Bau schleppen. Anschließend macht Schumann jedoch auch den Versuch, die „Nachbarn“ des Fuchses, also die anderen Tiere des Waldes, vorzustellen. Hierbei macht er den Fehler, manche Bilder nicht einmal mit einer Bildunterschrift zu versehen, sodass Laien die dort abgebildeten Tiere nicht zuordnen können. Sicherlich kann man als Autor davon ausgehen, dass nur Fuchsfreunde dieses Buch lesen, jedoch ist es erstens möglich, dass nicht jeder Fuchsfreund auch ein Vogelkenner ist und zweitens nicht besonders weitsichtig, das Buch nur auf eine Zielgruppe anzulegen. Zusammen mit dem Untertitel „Bilder aus dem Leben einer Fuchsfamilie“ ergibt der Titel jedoch insoweit einen Sinn, dass man nicht mehr erwartet als tatsächlich Bilder zu sehen – und das bekommt man dann ja auch. Als Bildband ist „Abenteuer am Fuchsbau“ also tatsächlich ganz schön. Mehr allerdings nicht.
„Abenteuer am Fuchsbau: Bilder aus dem Leben einer Fuchsfamilie“ Verlag Neumann-Neudamm 2010 95 Seiten, Euro 10.- ISBN 978-3788813246
Die Rezensentin ist angehende Biologin und Krimiautorin. Zuletzt erschien von ihr: "Umzingelt".
Kollaps der Rosa-Kulleraugen-Leserschaft Philipp Seefeldt: "Ida still im Menschenmeer“
(librikon) Ein Bilderbuch, das den Literaturkritiker wirklich in Nöte bringt: Man ist hin und hergerissen beim Betrachten von „Ida still im Menschenmeer“. Es sind leicht Anklänge an das ja auch hochproblematische „Alice im Wunderland“ zu erkennen - man merkt das Können des Illustrators Philipp Seefeldt. Doch bei der ganz intensiven Beschäftigung mit den Bildern beschleicht einen nicht irgendein negatives Gefühl, nein. Es ist Ekel. Es schüttelt einen beim Anblick dieser aufgerissenen, weit außen an den Gesichtsrändern der dargestellten Figuren platzierten Basedow-Augen. Nicht nur Figuren, alles blickt einen an in dieser Großstadt, die Berlin ist. Das Brandenburger Tor hat Augen, Kräne haben Augen, Kreuzungen, über die Autos fahren, haben Augen; wer krankhaft paranoid ist, kann die Welt so sehen. Ida ist das kleine Mädchen, das sich in dieser Großstadt bewegen muss, eine freudlose, angstvolle, verlorene Ida. Grau und fleischfarben, so zeigt sich Berlin ihr und den Lesern (anders als anzunehmen - es empfiehlt sich ab 6 Jahre). Das Buch führt zum Kollaps der Rosa-Kulleraugen-Leserschaft. Es hat Klasse. „Ida still im Menschenmeer“ verpackt nicht in Bonbonpapier, was dort nicht hingehört, die unbestimmten Gefühle eines kleinen Mädchens in der auf Große zugeschnittenen Stadt. Man riecht sie förmlich, die Menschen, den Verkehr, diese unterbewussten Ängste. Der ästhetische Wert ist hoch, ohne dass es ein schön anzuschauendes Bilderbuch wäre. In diesem Konflikt legt man es weg und greift immer wieder dazu, immer wieder. (Ab 6)
"Ida still im Menschenmeer“ Arena Verlag 2010 28 Seiten, Euro 12,95 ISBN 978-3401098005
Lustig! Spaßig bebildert! Nur eine kleine Warnung sei erlaubt Philip Waechter / Moni Port: „Der Krakeeler“
(librikon) Philip Waechter kann man mögen oder nicht. Gemüter erhitzt er nicht, und die Schule, aus der er kommt, ist bekannt. Überzeugt er? Die Wirkung auf den Betrachter, zumal dem Großen mit dem Portemonnaie in der Hand, ist beim „Krakeeler“ da. Richtig etwas für Mütter! Also kann es kein schlechtes Buch sein; nur eine kleine Warnung auf die Zukunft bezogen muss erlaubt sein: Aufpassen muss Philip Waechter, dass er nicht in die Janosch –Falle tappt und bei IKEA kaufende Eltern ihn toll finden. So tief darf der Illustrator eines Buches wie das unvergessene „ich“ nicht sinken. Denn auch im „Krakeeler“ sind die Charaktere anheimelnd und überzeugend, die Grundidee lustig: Vater Krakeeler, Tochter leise und musisch. Eltern traurig. Tochter gibt Konzert, Vater krakeelt wieder. Die umgedrehte Welt macht natürlich am meisten denen Freude, die in der normalen Welt leben. Also eben nicht Kindern – für die, als Gegenleistung, die Bilder ein Spaß sind. (Ab 3)
"Der Krakeeler“ 32 Seiten, Euro 12,95 Beltz und Gelberg, 2010 ISBN 978-3407794079
Haery Lee und Byeongkyu Jeong: "Was tust Du, wenn es regnet" Von Mi-Yong Lee
Das Kinderbuch "Was tust Du, wenn es regnet" von Haery Lee und Byeongkyu Jeong, erschienen im SchauHör Verlag, verarbeitet das Thema Wahrnehmung vermittels Regen und dem Verhalten der Tierwelt. Was tut ein Gepard - ist die Frage - wenn es "so" regnet? "So" ist simpel und schön dargestellt durch fetzige graue Streifen, die vom rechten obern Bildrand kommen. Antwort: Ganz fest umklammert er den Regenschirm, und man sieht, wie sich ein aufrechter Gepardenkörper mit Schirm gegen den heftigen Regen stemmt. Eine schöne Zeichnung. Überhaupt ist das ganze Buch sehr schön illustriert. Die äußerst lebendige und ausdrucksstarke Darstellung gelingt auf eine sehr leichte Art mit nur wenigen Strichen und Farben. Wunderbar, auch für Erwachsene. Leider aber hakt die Erzählung selbst: Der Gepard beschirmt sich, der Löwe trinkt den Regen, der Schmetterling tippelt davon, der Tyrannosauros macht pitsch-patsch, der Tiger verkriecht sich, der Drache versprengt den Regen. Und was macht Papa, wird dann gefragt. Es kommt ein Blitz, der Regen wird stärker. Was machen Gepard et al.? Sie tanzen zusammen über den Wolken. Also gut, innere Logik kann nicht das Hauptkriterium sein, aber eine Pointe wäre schön gewesen. Ich konnte sie nicht finden.
"Was tust Du, wenn es regnet" 38 Seiten, Euro 16,00 SchauHör Verlag; Auflage: 1 (April 2007 ISBN 978-3940106025
Die Rezensentin lebt gegenwärtig in Leipzig. Sie ist koreanischer Abstammung und in Köln geboren.Siehe auch den Leserbrief in der Rubrik "Einspruch!"
Eine hübsch illustrierte, dennoch spannungslose GeschichteMaria-Bernadette Ehrenhuber, Susanne Maier: „Schwarzfahrer Braunbär“Von Brigitte Bjarnason
Der kleine Braunbär will seinen Onkel Eisbär besuchen. Er steigt in den Zug nach Afrika und lernt unterwegs einen als feine Dame verkleideten Bernhardiner kennen, der auf der Suche nach einem hellblauen Pudel ist. Der Bär und ein falsches Zebra werden von dem Bernhardiner zu Hilfsdetektiven ernannt. Die Suche führt die drei über Afrika zum Nordpol, wo sie den diebischen Pudel, zusammengeschlagen von den Polarfüchsen, in der Höhle von Onkel Eisbär finden. „Schwarzfahrer Braunbär“ ist eine Geschichte, in der die Fantasie keine Grenzen kennt. Die Geschichte ist leicht lesbar und weckt beim ersten Lesen Neugier auf ein spannendes originelles Kinderbuch. Leider wird der anspruchsvolle Leser bei genaueren Hinschauen enttäuscht sein. Der Handlungsablauf ist zu lang geraten und zieht den Leser nicht in seinen Bann. Die angebliche Detektivgeschichte wird durch die Originalität der Figuren kaum aufgewertet. Die Zugreise von Afrika zum Nordpol und warum die Polarfüchse erst den Pudel zusammenschlagen und bestehlen, um dann eine grössere Wurstbestellung aufzugeben, sind verwirrende und für Kinder schwer erklärbare Details. Die bunte, ansprechende Illustration des Buches ist sympathisch und humorvoll. Sie gibt der sonst kraftlosen Geschichte einen positiven Anstrich.
"Schwarzfahrer Braunbär" Mit Illustrationen von Susanne Maier Edition Buche 2009 40 S., ISBN 978-3-902651-05-1
Die Stärke des Buches liegt in der Illustration Christoph Peters: „Minga verzaubert die Welt“Von Brigitte Bjarnason
Das Bilderbuch „Minga verzaubert die Welt“ erzählt von der Siamkatze Minga, die eine Bockwurst aus dem Kühlschrank stibitzt und danach in eine Art Rausch versetzt wird. Plötzlich kann Minga mit ihrer besten Freundin Charlie sprechen. Bauklötze, Bücher, Buntstifte und die Katze selbst jagen und toben durch das Kinderzimmer. Doch der Spuk dauert nur solange bis die Wirkung der Zauberwurst nachlässt. Charlies Eltern sitzen währenddessen ahnungslos vor dem Fernsehgerät und wissen nicht, was im Zimmer ihrer Tochter vorgeht. Am Anfang der Geschichte wird erwähnt, dass in Charlies Kopf der verrückteste Unfug herumspukt. Dennoch spielt in „Minga verzaubert die Welt“ die Katze die Hauptrolle. Der Autor legt das Hauptaugenmerk auf die Wirkung der Zauberbockwurst, und Charlie rückt in den Hintergrund. Die am Anfang aufgebaute Spannung verblasst schnell. Der Abschnitt, in dem das Spielzeug in Charlies Zimmer zum Leben erwacht, ist als beliebtes Märchenelement bekannt. Der Leser, der einen originelleren oder witzigeren Verlauf der Geschichte erwartet hat, wird enttäuscht. Die Stärke des Buches liegt in der Illustration. Die in frischen Farben gehaltenen, klaren humorvollen Motive werden sicher das Interesse kleiner Bilderbuchangucker wecken. „Minga verzaubert die Welt“ ist ein hübsches, phantasievoll illustriertes Bilderbuch mit einer Geschichte, die Spannung verspricht, aber in ihrem späteren Verlauf an Kreativität verliert.
Minga verzaubert die Welt Mit Bildern von Matthias Beckmann Luchterhand Verlag 2009 36 S. Euro 12,95 ISBN: 978-3-630-87325-1
Lernstofffalle"Wer war Arminius" und "Fugger und der Duft des Goldes" führen die Probleme eines Genres vorVon Jan Fischer
Arminius ist ein germanischer Heerführer mit Familienproblemen. Jakob Fugger ist reich und eitel. Beide haben die Geschichte weit über ihre Zeit hinaus geprägt, was beide für ein eigenes Jugendbuch qualifiziert, Arminius hat seinen Auftritt in der „Wer war ...?“-Reihe im Verlag Jacoby und Stuart, Jakob Fugger in „Fugger und der Duft des Goldes“ in der „Bibliothek des Wissens“ des Arena-Verlags. Die Bücher verfolgen unterschiedliche Ansätze: Während Harald Parriger in „Fugger und der Duft des Goldes“ einen großen Rundumschlag quer durch die Anfangszeit der Renaissance veranstaltet und sich dazu des Erzählvehikels Johann bedient, der als armer Bauer plötzlich Leibwächter von Jakob Fugger wird und sich nur wundern kann über den Reichtum und die fremdartigen Händlergebräuche, die er da sieht, setzt Kirsten John in „Wer war Arminius?“ auf die Personality-Schiene und versucht - mehr psychologisierend als historisierend - zu erklären, was Arminius eigentlich angetrieben hat. Beide Bücher sind dazu noch mit vertiefenden Illustrationen augestattet und kleinen, zeitgeschichtlichen Einschüben, so dass sie, trotz aller romanhafter Tendenzen, nie ihr eigentliches Geschäft, die Geschichtsvermittlung, verleugnen. Alles in allem versuchen beide Bücher neutral zu sein, bzw. sich nach allen Seiten hin abzusichern und kommen damit einem Geschichtsbuch näher als einem historischen Roman. Für ein Geschichtsbuch allerdings, selbst eines für elfjährige, ist „Fugger und der Duft des Goldes“ unterkomplex: Zu flach und hölzern sind die Charaktere, an denen komplizierte Geschichte exemplifiziert werden soll, zu oberflächlich sind die bröckchenweise eingeworfenen historischen Informationen, die außerdem noch ohne Zusammenhang im Buch eingefügt sind und so den Lesefluss stören. Damit erreicht das Buch eher, dass eine historische Epoche nicht erklärt, sondern eher verwischt wird. Da hat es Kirsten John in „Wer war Arminius?“ ein bisschen einfacher: Die spärlichen historischen Tatsachen lassen Platz für ihre Geschichte, die viel langsamer und detaillierter erzählt ist als die des Fuggeroberhaupts. Wie Arminius wirklich war, weiß niemand, aber Kirsten John liefert immerhin einen Arminius ab, während Harald Parrigers Jakob Fugger ein Unbekannter bleibt. Johns historische Einsprengsel sind weniger belehrend, weniger wie ein Geschichtsbuch aufgemacht, und werden ausserdem mit dem Romantext verknüpft, so dass sie nicht ganz so sehr stören. Aber auch hier gilt: Die Geschichtsbuchfakten sind wenige, und unterkomplex, unterkomplexer sogar noch, als in „Fugger und der Duft des Goldes“, dem es immerhin gelingt, seine Epoche ansatzweise zu umreißen. Das ist natürlich genau das große Problem, dass diese Living-History-Romane haben, seien sie für Kinder oder für Erwachsene: Welche und wieviele Fakten müssen dem Leser mitgegeben werden? Wieweit darf und kann die Geschichte zugunsten der Story verfälscht werden? Bei Kindern ist ein zusätzliches Problem noch, dass noch weniger vorausgesetzt werden darf, und damit, egal, ob sie es wollen oder nicht, solche Bücher immer in die muffige Ecke des pädagogischem Auftrags driften. Die Story wird dann nebensächlich, wie auch in „Fugger und der Duft des Goldes“, wo Jakob als deus ex machina in Erscheinung tritt, damit er mal eben die ihm fremde Welt der Fugger erfahren kann, und, sobald der Leser genug darüber gelernt hat, wieder von dort verschwindet. Die Story wird dann nichts als ein Vehikel für die Lernstoffbewältigung, und damit wird die ganze Idee, Geschichte als Roman zu vermitteln, obsolet. Oder die Story erschlägt die historischen Fakten, wie in „Wer war Arminius?“, wo die (ungesicherte) Familiengeschichte ständig Gefahr läuft, überhand zu nehmen. So stehen bei Bücher symptomatisch für das Problem eines ganzen Genres, ein Problem, dessen Lösung weder aus pädagogischer noch aus literarischer Sicht ganz einfach ist, und dem mit intensiver Recherche und gutem Willen nicht abzuhelfen ist. Beide Sachbuchreihen – und noch zahllose mehr – versuchen auf ihre Weise, Literatur als Vermittlungsvehikel für Geschichte zu instrumentalisieren, oder Geschichte mit literarischen Mitteln anzureichern. Was beide Bücher trocken macht, ist, dass die Geschichte nie aus den Augen verloren wird, die Literatur aber schon, „Fugger und der Duft des Goldes“ hat das Problem noch mehr als „Wer war Arminius?“ Das ist schade, denn vielleicht läge die Lösung des Dilemmas nicht in der künstlichen Verstorysierung von Geschichte, sondern in der echten und aufwändig betriebenen Literarisierung, die vielleicht auch mal geschichtlichen Fakten außer acht lässt oder sie zumindest nicht allzu ernst nimmt, ein Modell, dass nicht primär darauf zielt, zu belehren, sondern darauf, zu faszinieren, erst einmal Interesse für das Thema zu wecken. Und nicht gleich voll einzusteigen, und am Ende doch nur halb.
„Wer war Arminius?“ Jacoby & Stuart 2008 102 S., Euro 11,50 ISBN 978-3941087255
„Fugger und der Duft des Goldes“ Arena 2009 150 S., Euro 8,95 ISBN 978-3401059920
Wie verantwortungslos darf eine Kinderbuchautorin sein? Chiara Carrers „Das Mädchen und der Wolf“ Von Berta Berger
Märchen sind manchmal grausam, besonders die der Gebrüder Grimm. Gut, ursprünglich waren sie auch nicht für Kinder gedacht. Einige Märchen wurden im Laufe der Zeit ein wenig verändert und kindertauglich gemacht. Trotzdem frisst der böse Wolf die Großmutter und das Rotkäppchen, immer noch wird die böse Hexe von Gretel in den Ofen geschoben und verbrennt und auch in Schneewittchen ist Blut im Schuh, weil einer Stiefschwester die Zehe, der anderen die Ferse von der eigenen Mutter abgeschnitten wird. Dennoch haben mich diese Märchen als Kind nie verstört. Ich habe sie geliebt und trotz der Grausamkeit hatte ich immer das Gefühl: „Ha! Geschieht ihnen Recht, den Bösen.“ Es ist doch so. Märchen, besonders die Klassiker, leben von Gut und Böse, sie sind nun mal Schwarz Weiß gefärbt – und das ist auch in Ordnung so. Ich habe Märchen nie beschönigt, als ich sie meinen Kindern erzählt habe. Kinder halten mehr aus, als man glaubt und in den Märchen haben selbst Grausamkeiten ihre Berechtigung, wissen die Kleinen doch, dass es sich bloß um Märchen handelt. Ich halte also nichts davon, zwangsläufig Dinge schön zu reden. Man darf Kindern ruhig schlimme Nachrichten zutrauen, immer vorausgesetzt, es ist jemand da, der sie in einfache Worte kleidet und die Kleinen mit ihren Ängsten nicht allein lässt. Nun habe ich aber ein Bilderbuch zum Rezensieren bekommen, das selbst mir, als erwachsenen Leser, zu schaffen macht. „Das Mädchen und der Wolf“ von Chiara Carrer, erschienen im Picus Verlag. Wie der Titel es vermuten lässt, ist das Buch an „Rotkäppchen“ angelehnt, und doch empfinde ich es als tausend Mal verstörender als das Original.Schon die Illustration ist in die Stimmung verdunkelnden, ja blutigen Farben gehalten: Rot, Schwarz und Weiß. Der Wolf hat hier Menschengestalt angenommen. Und nicht nur das! Dadurch, dass er Mensch ist, wird er faktisch zum Kannibalen, als er die Großmutter verspeist. Er hebt auch noch Reste auf, falls er später Hunger bekommen sollte. Als das Mädchen das Haus der Großmutter erreicht, nimmt alles vorerst den Lauf, den es nehmen soll. Bis der Wolf in Menschengestalt dem Mädchen die eigene Großmutter als Imbiss anbietet.Danach wird das Mädchen dazu aufgefordert, sich seiner Kleidung zu entledigen. Ein Stück nach dem anderen wirft es ins Feuer, weil der Wolf sagt: „ ... du wirst es später nicht mehr brauchen.“ Worum geht es? Um die Warnung vor sexuellem Missbrauch? Ist dafür tatsächlich dieses Buch geeignet? Oder ist das gar nicht die Intention der Autorin, sondern geht es ihr darum, das Thema Rotkäppchen in moderne Worte zu fassen und deutlicher zu werden, als die ursprüngliche Version? Irgendwie geht die Geschichte dann doch gut aus, das Mädchen kann sich in sein eigenes Haus retten, und doch: Der böse Wolf wird nicht bestraft, und das was bleibt, ist Verstörung und Unwohlsein. Denn wäre er tot, der Wolf, dann wäre das Mädchen sicher, so aber ist die Unsicherheit da. Was ist, wenn der Wolf dem Mädchen auflauert? Was passiert das nächste Mal? Ich meine, das ist ein Stoff, aus dem Thriller sind, nicht aber Bilderbücher. Wer soll das Publikum sein? In den letzten Monaten habe ich immer wieder Bilderbücher zugeschickt bekommen, die eindeutig nicht als Kinderlektüre gedacht waren, aber nie war eines so grausam, so eindeutig wenig geeignet für Kleine wie dieses Buch. Für mich stellt sich nun die Frage, ob diese Art der Bilderbücher besonders gekennzeichnet werden? Woher soll jemand wissen, dass dieses Bilderbuch auf keinen Fall für Kinder geeignet ist, zumal weder aus dem Klappentext noch vom Cover der Inhalt hervorgeht. Und ich konnte auch leider keine Warnung finden: „ +16“. Ich habe lange überlegt, ob ich mich zu „Das Mädchen und der Wolf“ äußern soll - aber einmal gelesen, hat es mich nicht mehr in Ruhe gelassen – irgendwie hat man als Autorin und Rezensentin eine gewisse Verantwortung. Ich nehme sie ernst. Und die Autorin?
„Das Mädchen und der Wolf“ Aus dem Italienischen von Dorothea Löcker Picus 2009 32 S., Euro 14,90 ISBN 978-3854521471
Die Rezensentin ist Märchen- und Kinderbuchautorin. Zuletzt erschien von ihr die Märchensammlung „Die Prinzessin, die von der Liebe nichts wissen wollte“ und das Kinderbuch „Kunigund kugelrund“.
Jugendliche Selbstfindung unter erschwerten Bedingungen Friedrich Anis „Das unsichtbare Herz“ Von Ulrike Ufer
Seit den 70er Jahren werden in Deutschland erfolgreich Kinder aus anonymen Samenspenden gezeugt. Ob nun 100.000 oder 60.000 Kinder seither auf diesem Wege entstanden sind (die Zahlen schwanken je nach Quelle), unübersehbar bleibt in jedem Fall, dass sie inzwischen das Alter und eine so große Zahl erreicht haben, dass sie eine literarische Stimme verdienen. Diese versucht ihnen Friedrich Ani, mit seinem 2005 bei dtv in der Reihe Hanser erschienenen Roman „Das unsichtbare Herz“, zu verleihen. Der Versuch ist löblich, die Umsetzung leider nur bedingt gelungen. Drei Jugendliche treffen sich in den virtuellen Weiten der Internetchaträume. Dort lässt die 17-jährige Merit ihrer Wut ungehemmt ihren Lauf und stachelt damit den taubstummen Dennis und den musikalisch hochbegabten Frederick auf. Der genaue Grund für die Ausbrüche wird erst ca. 50 Seiten später deutlich, was den Leseeinstieg in den Text auch deutlich hemmt. Die Auflösung der anfänglichen Leserirritation ist dann gleichzeitig der Aufhänger der Geschichte und das verbindende Element zwischen den drei Hauptfiguren: Sie alle entstammen einer anonymen Samenspende. Der Fortgang der Handlung beschreibt nun die Wege, auf denen sie versuchen, mit dieser Wahrheit umzugehen. Er kulminiert dann in einem kathartischen Selbstfindungsabenteuer, das alle zeitgleich, aber unabhängig voneinander erleben. Es führt sie auf einer nächtlichen Ausreißertour erst weg aus ihrer gewohnten, familiären Umgebung und über die Begegnung mit einer jeweiligen, mit ihnen merkwürdig unverbundenen Gegenfigur wieder zurück zu ihren Familien und, so suggeriert der Text, vor allem auch zu sich selbst. Wenn der Begriff nicht so verstaubt klänge, könnte man von einem klassischen Entwicklungsroman sprechen. Das Problem dieses Textes ist dabei nicht so sehr die Figurenprache, die jugendlich wirken soll, aber lediglich den Eindruck erweckt, während der Pubertät spreche man nur in wütenden, von Fäkalausdrücken durchwirkten Halbsätzen. Das Problem ist auch nicht vorrangig die sich erst am Ende auflösende düstere Grundstimmung des Textes, die einerseits dem Thema des Textes und der damit einhergehenden außergewöhnlichen, schwierigen Situation der Protagonisten geschuldet sein könnte, aber andererseits den Leser mit dem dumpfen Gefühl zurück lässt, das Erwachsen werden sei nur durch krisenhafte Erlebnisse möglich. Das Problem liegt auch nicht hauptsächlich in der Spannungskurve, die erst mit den nächtlichen Ausflügen der drei wirklich ansteigt, denen immerhin 120 Seiten (zwar reflektierender) Aktionslosigkeit vorangehen, die aber womöglich alle nicht trainierten Leser schon vor dem Höhepunkt vertrieben haben könnten. Das Hauptproblem des Romans ist vielmehr die Überlagerung des eigentlichen Themas mit Problemkreisen, die, für sich genommen, schon jeden Jugendlichen in eine mittelschwere Sinnkrise stürzen würden. Merits Mutter, die ihre Tochter in einer lesbischen Beziehung aufzog, stirbt kurz nachdem sie ihre Tochter über die besonderen Umstände ihrer Zeugung in Kenntnis gesetzt hat. Dennis, der schon mit seiner Behinderung zu kämpfen hat, erfährt, dass diese Behinderung einem bewussten Wunsch seiner ebenfalls taubstummen Mutter nach einem behinderten Kind entsprang, weswegen sie auf eine Samenspende zurückgriff. Es hat den Anschein, als wäre es für eine jugendliche Identitätskrise nicht ausreichend zu erfahren, dass man auf unnatürliche Weise gezeugt wurde. Um ganz sicher zu gehen, dass die Figuren auch wirklich eine emotionale Erschütterung erleben, verstärkt der Autor das Hauptproblem künstlich und überlagert es so unnütz. Er tut damit seinem Roman auch keinen Gefallen. Angesichts der Härte der Tatsachen, die im Text bewältigt werden müssen, wirkt denn die Läuterung am Ende auch ziemlich überstürzt, wenn nicht sogar unglaubwürdig. Der Wandel von der abfälligen Selbstbezeichnung der Protagonisten als „S-Klasse“ zu der harmonisierenden Einsicht „Wir sind alle drei Wunschkinder.“ ist aufgrund des Handlungsverlaufs nur bedingt nachvollziehbar und erscheint beinah ein wenig überzuckert. Einzig Frederick muss nur mit der alleinigen Tatsache fertig werden, dass er „ein aufgetautes Herz“ hat, was ihm von allen auch am leichtesten zu gelingen scheint und deshalb in seinem Fall auch am authentischsten wirkt. Er bildet gewissermaßen die relativierende Gegenfigur zu den beiden anderen und ist dem Autor auch am Besten gelungen. Neben ihm ist sein größter Coup die Figur des Joseph Schuh, der anfangs eingeführt wird, so lange verschwindet, dass der Leser ihn schon wieder vergessen hat und mit seinem Wiederauftreten für den größten, wenn auch nicht völlig unerwarteten Überraschungseffekt sorgt. Am Ende steht man dann etwas ratlos vor dem Text. Denn ein Blick auf dieses schwierige Thema von Seiten der betroffenen Kinder ist viel versprechend. Und das Resultat ist auch nicht vollkommen misslungen. Es drängt sich letztlich aber die Vermutung auf, dass in diesem Roman nicht nur so manches Herz unsichtbar bleibt, sondern auch einiges vom spürbaren Können des Autors und, was noch viel bedauerlicher ist, viel vom Potenzial des Themas.
"Das unsichtbare Herz" Reihe Hanser bei dtv 2009 256 S., Euro 8,95 ISBN 978-3423623865
Die Rezensentin ist Germanistin und Mitarbeiterin der Librikon-Redaktion.
Gewollte Originalität Aber diese Bilder: Oliver Jeffers’ „Der Weg nach Hause“
(librikon) Ein kleiner Junge fliegt mit einem alten roten Flugzeug los, landet auf dem Halbsichelmond, das Benzin ist alle, er käme nicht mehr weg, aber da kommt ein Marsmännchen mit Mini-Raumschiff und Motorschaden vorbei. Gemeinsam lassen sie sich ins Meer fallen. Der Junge rennt nach Hause, vergisst kurzzeitig das Marsmännchen (die Lieblingssendung im TV!), jagt ihm dann nach, wieder auf den Mond, Reparatur, Abschied. Nicht für immer: Der Postbote bringt ein Päckchen vom Marsmännchen, ein kleines Walkie-Talkie ist darin, da können sie immerhin miteinander reden. Natürlich, so viel gewollte Originalität kommt einem dennoch sehr bekannt vor. Als hätte man das schon tausendfach gelesen. Der Text ist oberflächlich, unbedeutend und dünkt wie Versatzstücke aus anderen, geliebten Büchern. Ein positiv-harmloser Coup also? Könnte es sein, wären da nicht die Illustrationen. Sie sind farblich angenehm, einnehmend und laden einen wirklich auf die Reise ein. Ihre passend eingesetzten Niedlichkeiten sind beglückend, und sie mit Kindern zu betrachten, ist eine herzerwärmende Freude. Und weil „Der Weg nach Hause“ von Oliver Jeffers ein Bilderbuch ist, spielen sie, die Bilder, eben eine große Rolle.
„Der Weg nach Hause“ Aus dem Englischen von Mirjam Pressler Beltz 2009, 30 S., Euro 12,90 ISBN 978-3407793720
Bloße Wiedergabe der alten Stereotypen Ole Lund Kirkegaard: „Hodja im Orient“ Von Nazli Hodaie
Hodja, der neunjährige Junge aus Pjort im Orient, hat den Wunsch, „in die weite Welt hinaus zu gehen“. Durch die Unterstützung des alten Teppichhändlers al-Faza, der ihm einen fliegenden Teppich leiht, kann der Junge seinen Wunsch in Erfüllung bringen. Während seiner Reise, die vier Tage dauert, erlebt er viele Abenteuer, bei denen er nicht nur die böse Seite der Menschen kennen lernt, sondern auch schlauer und selbständiger wird.
Blickt man auf die Darstellung des Orients zur Zeit der Aufklärung zurück, begegnen einem literarische Werke, in denen „orientalische Verhältnisse“ den westlichen Gesellschaften als Spiegel vorgehalten wurden. Dadurch brachten die Autoren problemlos eine Kritik der europäischen Verhältnisse zum Ausdruck, und – hoben unwillkürlich hervor, dass sich Westen und Osten nicht bzw. nicht so sehr voneinander unterschieden. Die west-östliche Affinität scheint auf den ersten Blick auch Ole Lund Kirkegaards märchenhaftem Abenteuerroman „Hodja im Orient“ zugrunde zu liegen. Hodja, ein neunjähriger Junge „aus dem Orient“ – an sich eine viel zu pauschale, undifferenzierte Ortsangabe – unterscheidet sich wie seine Landsleute „in nichts von allen anderen Menschen der Welt“. So kommt eine Abenteuergeschichte zustande, die, wie im Nachwort zu Recht angedeutet, im Kern anderen, in Europa spielenden Abenteuergeschichten, z.B. Erich Kästners „Emil und die Detektive“, ähnlich ist. Diese wohl vom Autor intendierte Betonung der Gemeinsamkeiten vermag diesen jedoch durchaus nicht über gewisse vermeintliche „Orient-Okzident-Unterschiede“ hinwegzusetzen. Das Ergebnis ist vielmehr eine Akzentuierung des orientalischen Andersseins, was sich in der Aufnahme und Wiedergabe der altbekannten Klischees in Bild und Text manifestiert. Unten folgen einige Beispiele: Das Orientbild im Text wird dominiert von fliegenden Teppichen, Fez und Schnabelschuhe tragenden, Wasserpfeife rauchenden Männern und vermummten, wie „große schwarze Vögel“ aussehenden Frauen. Der Sultan, dessen Bekanntschaft Hodja während seiner Weltentdeckungsreise macht, ist ein grausamer, von Willkür und mangelnder Logik getriebener Despot, dem nichts Anderes als Essen, Vergnügen und Frauen am Herzen liegt. Und er ist auf eine in der Häufigkeit seiner Vermählungen an den König in der Rahmengeschichte von „Tausendundeiner Nacht“ erinnernde Art und Weise polygam. Um die Palette der von Kirkegaards bedienten Orientklischees zu vervollständigen, sind seine Frauen „allesamt rund und dick wie prallgefüllte Weinsäcke“ – das ist das Gegenstück zu dem beliebten Klischee der erotisch anmutenden orientalischen Schönheit und wurde neben Ersterem von vielen westlichen Autoren, u.a. Karl May, bedient. Bekräftigt wird das oben genannte Orientbild auch und vor allem durch die Illustrationen, die noch mal das Wesentliche, nur noch die Unterschiede Unterstreichende aufgreifen. Dabei gestalten sie das Orientbild des jungen Leserpublikums des Romans entscheidend und in einer plastischen, keinesfalls klischeefreien Weise. Dass sie einer gewissen Komik nicht entbehren und sich deshalb leichter in die Phantasie der Leserschaft einprägen, kommt nur erschwerend hinzu. Gewiss waren die Illustrationen (so wie auch der Text) zur Zeit ihrer Entstehung (1970) – da vor der Eskalation des Orient-Okzident-Konfliktes und der Verfestigung des Feindbildes Islam im Westen geschaffen – in ihrer Wirkung etwas milder zu beurteilen. Aus der heutigen Sicht betrachtet leisten sie jedoch keinen gelungenen Beitrag zu immer notwendiger werdender interkultureller Erziehung und Kommunikation, die am besten im Kindesalter ansetzen soll. Das im Roman vorhandene Postulat „Betonung der Gemeinsamkeiten zwischen Kulturen“, an sich ein Prinzip interkultureller Erziehung, wird somit zunichte gemacht. Allerdings begegnen dem Leser im Roman einige überraschende „Deutungswenden“, die sich von der aktuellen Wahrnehmung des Orients gewissermaßen unterscheiden: Den orientalischen Frauengestalten bereitet der (Gesichts)Schleier – wohlgemerkt das Schreckbild der westlichen Gesellschaften – „eine große Freude“. Sie brauchen nämlich „nie einen Lippenstift, und keiner kann sehen, wenn ihnen ein Zahn im Mund fehlt“. Und in Hodjas Familie ist es seine entscheidungsfreudige Mutter, die sich gegen ihren Mann stellt und ihren Sohn tatkräftig zu seiner Abenteuerreise unterstützt – auch das eine andere Darstellung der ansonsten als unterwürfig und unterdrückt geltenden orientalischen Frau. Schade nur, dass sich diese andere, verfremdende Darstellungsweise – die viel mehr zur Reflexion und Diskussion veranlassen würde als die bloße Wiedergabe der alten Stereotypen – nur auf die oben erwähnten, wenigen Punkte beschränkt. (Ab 8)
„Hodja im Orient“ Aus dem Dänischen von Senta Kapoun Mit Bildern des Autors und einem Nachwort von Hans Grössel Fischer 2008 137 S., Euro 14,90 ISBN: 978-3596853434
Die Rezensentin ist am Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität in München tätig. Von ihr liegt zum Thema vor: „Der Orient in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur. Fallstudien aus drei Jahrhunderten“ (Peter Lang 2008)
Abgedroschen! Fesselt nur im Mittelteil Jan de Leeuw: Falsche Bilder Von David Schmidhofer
Jan de Leeuw erzählt in seinem Jugendbuch "Falsche Bilder", das 2009 in deutscher Übersetzung erschienen ist, die Geschichte eines ungewöhnlichen Sommers, den ein Junge aus der Stadt in einem kleinen flämischen Dorf erlebt: „Man sah es schon von weitem daliegen: ein paar Häuser und in der Mitte eine Kirche. Mit dem Auto war man im Nu daran vorbei. Aber mein Vater parkte auf dem Dorfplatz und kurz darauf stand ich neben ihm im Kirchenportal und schüttelte Unbekannten die Hände. Und was für Hände. Knorrige Hände, runzlige Hände, stumpfe Hände mit fehlenden Fingern, halbe Klauen. (…) Das ganze Dorf schien über siebzig zu sein“. Gleich am Anfang macht der Leser mit der Stimmung eines zynischen Pubertierenden Bekanntschaft, der aus einer amerikanischen Sitcom entnommen sein könnte. Dass Arnoud anlässlich des Todes seiner Großmutter für einige Wochen aufs Land umziehen muss, gefällt ihm gar nicht. Er beklagt sich über das Fehlen städtischer Annehmlichkeiten in diesem „provinziellen Nest“ und nach jedem zweiten Satz erwartet sich der Leser ein zickiges „Oh my god!“. Ein Gefühl wie „Wo bin ich denn hier gelandet?“ dürfte auch so manchen Leser beschleichen, wenn er die lustlosen Ausführungen des Jungen liest, der sich offenbar für gar nichts begeistern kann. Von der Begräbnismesse bleiben Arnoud nur die „Bilder von Pestkranken und in Stücke gehackten Säuglingen“, die „Körpergase“ seines Hintermannes und die vor sich hin schluchzenden Frauen in Erinnerung. „Zum Glück erwies sich der Begräbnisunternehmer als echter Profi, sonst hätte das Grab ein paarmal die falsche alte Frau in sich aufgenommen“. Doch hinter diesem vielleicht etwas gar zu realistischen Schreibstil verbirgt sich eine durchaus fesselnde Handlung. Der Roman entwickelt eine eigene Spannung. Arnoud interessiert sich immer mehr für die vielen Fragen, die der Abschiedsbrief seiner Großmutter offen lässt. Warum erbt er wertlose Bilder und ein Nähkästchen? Warum wurde sein Großvater im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen erschossen? Und was hat es mit der alten Baroness in ihrem Schloss für eine Bewandtnis? Mit dem steigenden Interesse von Arnoud an seinen Vorfahren wächst auch die Neugier des Lesers an der Auflösung all dieser Rätsel und Intrigen. Fast schon ermüdend klischeehaft wirkt hingegen das Ende des Romans. Wie so oft, muss sich der unerwartet eintretende Glücksfall schließlich doch wieder ins Negative wenden. Ein langweiliges Leben nimmt eine überraschende Wendung und wird zum Abenteuer. Das Abenteuer ist zu Ende, alles ist wieder beim Alten und der Held behält alles für sich. Ein Glücksfall kann kein Glücksfall bleiben, sondern muss am Ende vom Schicksal oder gar dem Romanhelden selbst wieder zunichte gemacht werden. Es handelt sich um einen abgedroschenen Handlungsverlauf, der den geübten Leser umso mehr schmerzt, wenn er konstruiert wirkt. Und genau das ist in "Falsche Bilder" der Fall. In einer apathischen Anwandlung verbrennt der Romanheld seine geerbten Millionen im Garten. Der Leser ahnt es schon 50 Seiten früher. Eine zweifelhafte, ärgerliche und – was wohl das Schlimmste daran ist – noch nicht einmal unerwartete „Moral von der Geschichte“. Die letzten Seiten bieten noch einige vermeintlich bedeutungsschwere Botschaften. „‚Kommt ihr noch mal wieder?‘ – ‚Ich glaube nicht. Wir haben hier nichts mehr verloren‘“. Eine seltsame Aussage nach all den spannenden Abenteuern, die Arnoud in diesem Dorf erlebt hat, in dem er sich schon so zu Hause fühlt. Er überlegt kurz, ob er vielleicht auch noch das geerbte Holzei ins Feuer werfen soll. „Ich steckte es wieder ein. Irgendwann. Irgendwo anders“. Nicht nur, dass der Leser nicht versteht, warum dies sofort, das andere gar nicht und das letzte später verbrannt werden soll – man bekommt geradezu das Gefühl, ein klischeehaftes Romanende zu konstruieren, war dem Autor wichtiger als Logik und Kohärenz. "Falsche Bilder" ist abschnittsweise „ganz nett“ und nie wirklich langweilig; zu mehr reicht es bei diesem Buch nicht. (Ab 12)
"Falsche Bilder" Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf dtv 2009 320 S., Euro 7,95 [D] 8,20 [A] sFr 13,95 ISBN 978-3-423-78226-5
Der Rezensent ist Experte für niederländische Literatur und als Übersetzer tätig (Im WorldWideWeb.nl-de.com).
Verständnisprobleme Gerhard Staguhn: "Sonne, Wind und Regen" Von Anne Spitzner
Das Buch „Sonne, Wind und Regen“ von Gerhard Staguhn soll „helfen, den Mangel an Wissen über das Wetter zu beheben“. Der Autor betont, dass kaum jemand weiß, wie Wetter eigentlich genau „funktioniert“, wie es entsteht etc. Das sollte also eigentlich bedeuten, dass eine Einführung in die Wetterphänomene ein sehr sinnvolles Unterfangen wäre – vor allem in einer Zeit des Klimawandels, in der jeden Tag in den Nachrichten darüber berichtet wird, dass das Wetter völlig verrückt spielt. Doch in diesem sinnvollen Unterfangen, das zugleich ein sehr schwieriges ist, hat Staguhn sich ein zu hohes Ziel gesetzt. Er versucht, die an sich sehr spannend klingenden Themen seiner Kapitel so kurz und knapp, dabei aber so ausführlich wie möglich zu besprechen, doch dieser Schuss geht nach hinten los. Zwischendurch schweift er öfter viel zu weit vom eigentlichen Thema ab, und der Lesespaß geht zu einem guten Teil verloren, weil jedes Kapitel dermaßen vor Fremd- und Fachwörtern strotzt, dass ich auch als Studentin der Biologie, die viele der Worte aus dem Alltagsgebrauch kennt, Verständnisprobleme hatte – was sich auf Leser, die das Buch vielleicht aus Interesse, aber ohne Vorwissen lesen – eben weil die ganze Welt über nichts anderes spricht als das Wetter – durchaus abschreckend auswirken dürfte. Abgesehen von diesem Manko bietet „Sonne, Regen und Wind“ allerdings einen spannenden Einblick in die Welt der Wetterphänomene. Wenn man sich eingelesen hat, vermögen die Beschreibungen über Blitzentstehung, Hagel, Wasserkreislauf und anderes wirklich zu fesseln. Außerdem beantwortet das Buch einige Fragen, die man sich bis dato noch gar nicht gestellt hat, weil sie so banal scheinen – zum Beispiel, woher der Londoner Nebel kommt. Jeder weiß, dass es in London neblig ist, aber hat sich schon mal jemand nach dem Grund dafür gefragt? Der letzte Teil, der sich mit dem Klimawandel und der globalen Erwärmung befasst, scheint allerdings ein wenig zu dick aufgetragen. Zugegeben, man kann gar nicht genug vor den Folgen unseres verschwenderischen Umgangs mit fossilen Brennstoffen und der Natur im Allgemeinen warnen, doch Angst vor der Zukunft zu machen, ist vielleicht nicht die geeignetste Methode – zumal kaum Verbesserungsvorschläge gemacht werden. Es wird lediglich immer wieder von der Politik gesprochen, aber was der einzelne tun kann, wird gar nicht erwähnt. Wenn man sich schon entscheidet, in solch drastischen Worten über den Klimawandel zu sprechen, hätten einige Vorschläge in dieser Richtung dem Buch vielleicht ganz gutgetan. Im Allgemeinen ist der Leser, der ohne einschlägiges Vorwissen an dieses Buch herangeht, gut beraten, ein Fremdwörterlexikon danebenzulegen und es auch zu benutzen. Wer das Wetter in seinen Grundgegebenheiten wirklich verstehen will und bereit ist, dafür viel Nachdenken in Kauf zu nehmen, hat in diesem Buch die ideale Lektüre gefunden. (Ab 12)
"Sonne, Wind und Wetter. Eine Wetterkunde in Zeiten des Klimawandels" Hanser 2008 200 S., Euro 16,90 ISBN 978-3446209879
Die Rezensentin ist angehende Biologin, Buchautorin und Mitglied der Librikon-Redaktion.
Mach den kleinen Jungen glücklich und alle anderen Kinder auch „Katzenwache“: Creszentia Waldmeisters erster Fall Von Jan Fischer
Creszentia Waldmeister hat eine Meise. Sie füttert sie jeden Morgen nach dem Aufstehen, dann setzt sie einen ihrer 23 Hüte auf. Sie ist eine eher exzentrische Person. Ihr erster Fall sieht ungefähr so aus: Amanda, die mit ihr im selben Haus wohnt, hat Frau Waldmeisters Adresse an einen Phillip weitergegeben, den sie im Stadtpark getroffen hat, und er außerdem ein sehr trauriger Junge ist. Zu recht: Er ist gezwungen, mit unsympathischen Erwachsenen namens Olivia und Ago zusammen zu wohnen, seit sein Vormund Rubin, der Glockenwart verschwunden ist. Diese Olivia und Ago stehlen, wie sich später herausstellen wird, Kerzen aus Kirchen, wollen aber eigentlich eine goldene Glocke aus dem 17. Jahrhundert haben, die Phillips Vater an einem unbekannten Ort versteckt hat. Frau Waldmeisters Auftrag ist also, Phillip von einem traurigen Jungen zu einem glücklichen Jungen zu machen. Dazu muss sie erst mal Rubin finden, und wenn sie dafür Olivia und Ago ins Gefängnis bringen muss, ist das kein Problem, am besten sollte sie dabei auch noch die goldene Glocke auftreiben, das garantiert Phillip und Rubin erst mal ein luxuriöses Auskommen. Konki, der Autor, schreibt im Vorwort, sie kenne Creszentia Waldmeister und sie wolle, dass mehr Kinder wüssten, wie Frau Waldmeister Kindern aus der Patsche hilft. Ständig seien Kinder in der Patsche. Dementsprechend liebenswert ist Frau Waldmeister dann auch: Eine schrullige, vogelfreundliche Dame, die Bekanntschaften mit Herrn Kausänen pflegt, der Inhaber eines Archivs für alles ist, ansonsten hautsächlich Kindern und ehemaligen Kindern. Da macht Frau Waldmeister zu so etwas wie einer Großmutterfigur: Eine alte Dame, die lieb zu Kindern ist und ansonsten nicht wirklich eine geregelten Beschäftigung nachgeht, jedenfalls keiner Beschäftigung, die Eltern ernst nehmen würden. Das macht sie nicht nur zu einer liebenswerten, sondern auch zu einer etwas süßlichen Figur, die in einem Detektivroman eigentlich nichts zu suchen hat. Das ließe sich auch vom ganzen Buch sagen: Es ist so süßlich, dass es eigentlich kein Detektivroman, auch keiner für Kinder, sein kann. Die Verbrecher sind nicht wirklich gefährlich, die Aufklärung geht Frau Waldmeister mit Hilfe einiger Deus ex machinae leicht von der Hand. Der Fall bringt keine überraschende Wendung, es werden nur neue Figuren und Ereignisse auf die anderen getürmt. Nicht, dass Katzenwache kein gutes Buch wäre. Die Charaktere sind liebevoll ausgemalt, und die Geschichte ist mit Verve konstruiert. Es hat sich nur im falschen Genre platziert, oder: Versucht, Genreanforderungen zu erfüllen, die es aufgrund seiner Ausgangslage, seinen Charakteren gar nicht erfüllen kann. Zum Glück stolpern die Figuren nicht orientierungslos in dem Krimi-Szenario umher, sondern sind aufgrund ihrer Disposition in der Lage, durch den süßen Saft zu schwimmen und den Fall zu lösen, und den kleinen Jungen zu einem glücklichen Jungen zu machen. Im Gegensatz dazu sind die Zeichnungen geradezu brutal dunkel: Frau Waldmeister hat ein geradezu bedrückend faltiges Großmuttergesicht, Herr Kausänen geht gebückt, auf einem Bild sehen wir ihn von hinten, seine Halbglatze schonungslos offen gelegt. Was der Text nicht leistet, leisten die Zeichnungen, die – für ein Kinderbuch – fast schon noir-Züge tragen. Insgesamt aber ist „Katzenwache“ deutlich zu glatt, zu seicht geraten. Die Figuren, die Geschichte: All das hat zu wenig Ecken und Kanten, um tatsächlich fesselnd, nachwirkend zu sein.
Konki: "Katzenwache" Autumnus Verlag 2007 104 S., 12,90 € ISBN 978-3-938531-11-2
Der Rezensent ist Essayist und Literaturkritiker.
Eine Bruchlandung nach der anderenGabrielle Hilg-Hild: “Max der Marienkäfer” Von Brigitte Bjarnason
Das Bilderbuch “Max der Marienkäfer” dient ohne Zweifel nicht nur dem entspannten unterhaltsamen Lesen. Es will Kindern die Botschaft vermitteln, dass, wenn sie ein Ziel erreichen wollen, sie nicht auf halber Strecke aufgeben und dass sie dabei die Hilfe von Freunden annehmen sollten. Doch warum müssen bei dem Versuch, Max das Fliegen beizubringen alle seine hilfsbereiten Freunde Verletzungen davontragen? Am Ende der Geschichte erscheinen sie mit Verbänden und auf Krücken humpelnd mit Schmerz verzerrten Gesichtern auf dem Waldfest, und Max hat ein schlechtes Gewissen. Dass er dann durch Zufall als einziger Teilnehmer den Flugwettbewerb gewinnt, trägt wenig zu einem gelungenen Happy End bei. Das Titelbild des Buches lässt ein fröhliches unterhaltsames Vorlesebuch vermuten. Die Illustrationen der Autorin sind liebevoll und farbenfreudig gestaltet und wecken bei Kindern und Erwachsenen die Neugierde auf eine lustige Geschichte. Leider hat jedoch der Text einen eher depremierenden Eindruck auf mich gemacht. Das Schriftbild könnte zudem klarer sein. Die Ausdrücke “Fluginstruktionen” und “Drill” sind unpassend für ein Kleinkinderbuch. Der Wechsel von gereimten und ungereimten Text schafft eher Verwirrung. Es fehlt der Geschichte an Leichtigkeit und Humor. Die ständigen Bruchlandungen des Käfers verlieren nach dem dritten missglückten Flugversuch ihren Unterhaltungswert. Das zusätzliche untergründige Anliegen des Buches, Kindern die Wochentage zu lehren, kommt in der Geschichte selbst nicht richtig zum Vorschein. Lobenswert ist bei diesem Versuch die beigefügte Anleitung für einen Max Wochenkalender, der auch für blinde Kinder geeignet ist. Bei "Max der Marienkäfer" wurde meiner Meinung nach zu grosse Aufmerksamkeit auf den Belehrungsfaktor gelegt. Es ist ein hübsches, fantasieanregendes Buch zum Anschauen und bietet den Anreiz, eine eigene lustigere Geschichte zu erfinden.
Max der Marienkäfer, Cornelia Goethe Literaturverlag 2006 45 S., Euro 11.90, Auch als ebook, Hörbuch oder Hörbilderbuch erhältlich ISBN 3-86548-346-1
Die Rezensentin ist Bilderbuchexpertin und Island-Korrespondentin der Librikon-Redaktion.
Peter M. Picolin:" Azures, der Feuerwehrfrosch" von Sarah Wittenberg
Azures, der Feuerwehrfrosch hat nur einen Traum: er will Feuerwehrfrosch werden. Als sein Teich kurz vor dem Austrocknen steht, sieht er für sich die Chance gekommen, den anderen Fröschen sein Können zu beweisen. Es scheint bei diesem Buch streckenweise, als hätte der Autor sich selbst einige Notizen zu der erdachten Geschichte gemacht und diese einfach in den Druck gegeben. Ebenso wurde bei der Übersetzung geschlampt. Schon auf der ersten Seite wird dem lesenden Kind das Wort Austria vorgesetzt – ohne jegliche Erklärung. Die Tatsache, dass der Autor aus Österreich kommt, erklärt, warum er dieses Wort benutzt, nicht jedoch, warum es gleichbleibend in der deutschen Ausgabe benutzt wurde. Im weiteren Verlauf des Buches werden dem Kind jedoch auch vom Autor verschiedene Begriffe vor die Füße geschmissen, ganz ohne Erläuterungen. Begriffe wie Froschopathin oder Froschopathie sollen lustig wirken, sind jedoch für ein Kinderbuch –wohlbemerkt ohne Erklärung – einfach unangebracht. Auch Halluzinationen haben manche Frösche. Worum es sich bei diesem Wort handelt, bleibt für das Kind zu entscheiden. Ebenso steht es mit veralteten Worten wie ‚verblümt‘. Möglich, dass dies nicht für alle Kinder gilt, aber die Tatsache, dass der Autor während des gesamten Buches bemüht ist, dem Leser beizubringen, dass ein Molch ein junger Frosch ist, halte ich doch wirklich für didaktisch unangebracht. Ein Molch ist eine Amphibie, die einer Kaulquappe ähnelt, es handelt sich hierbei jedoch um zwei grundverschiedene Tiere. Und so verwundert es nicht, wenn weitere Ungereimtheiten dazukommen: So spricht der Autor beispielsweise von David und Goliath, als Vergleich, erklärt aber mit keiner Silbe, was es mit den beiden biblischen Figuren auf sich hat. Wenn man davon ausgeht, dass das lesende Kind noch kein Konfirmand oder schlichtweg nicht christlich ist, dann fällt es schwer zu begreifen, wie dieses Kind den Zusammenhang verstehen soll. Kommen wir zum Stil: Die Art des Autors, jedes zweite Wort in Anführungszeichen zu setzen, stört. Des weiteren gefällt es ihm, Klammern zu setzen, wo er kann. Dies ist ebenso unangebracht, denn im Allgemeinen gilt doch beim Schreiben, dass alles, was in Klammern steht unwichtig oder zumindest weniger wichtig ist. Zum Schluss möchte ich mit einem letzten Beispiel klar machen, warum ich dieses Buch für kein Kind als lesenswert empfehlen würde. Der Frosch Azures trifft auf seiner Expedition zu den Menschen die Grille ‚Cricket‘. Diese hat nur einen Flügel und kann deshalb nicht fliegen. Schillernd und ausführlich berichtet nun dieser Cricket, dass seine Grillen-Mutter ihm geraten hat, sich von einem Vogel fangen zu lassen, um in ein besseres Land zu geraten. Der Autor lässt es sich in dieser Szene nicht nehmen, dem Kind zu erklären, dass dieses bessere Land der Tod wäre und dass Crickets Mutter sich nichts sehnlichster wünschte, als ihr eigenes Kind tot zu sehen, damit es nicht mehr leide. Ich habe nichts gegen die Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Sterben in Kinderbüchern. Wenige Autoren, wie beispielsweise Astrid Lindgren, haben die Gabe, dieses liebevoll und behutsam zu gestalten. Dem Autor des Buches ist dies leider nicht geglückt. Seine Entschuldigung, dass Cricket ja früher oder später ohnehin sterben würde, wirkt sehr kalt und lieblos. Insgesamt bleibt nur: Abzuraten von diesem Buch.
Azures, der Feuerwehrfrosch novum 2005 62 S., Euro 13,90.- ISBN 3-900693-74-9
Die Rezensentin studiert in Hildesheim und ist Autorin von Theaterstücken für Kinder.
„In sich ist alles logisch, an sich ist es absurd.“ Lutz Rathenows "Ostberlin – Leben vor dem Mauerfall" Von Susan Müller, Zeulenroda
„Ich trage keine historischen Bilder im Kopf, um
die Gegenwart unaufhörlich an ihnen zu messen und enttäuscht Differenzen
festzustellen“. Dieses Zitat des Autors zeigt mir, dass dieser es auf keinen
Fall darauf anlegt die damalige Zeit in Ostberlin oder überhaupt in der DDR als
ein gänzlich schwarzes Kapitel seines Lebens zu beleuchten. Es gibt sicherlich
Passagen, bei denen man entweder total mit dem Autor übereinstimmt oder aber
fast ein bisschen streiten möchte, weil man es vielleicht anders erlebt oder
empfunden hat. Lutz Rathenow bringt aber wunderbar zum Ausdruck, dass sich das
Leben in Berlin als Hauptstadt der DDR einfach noch etwas anders abspielte als
im übrigen Land. Und man musste nicht aus dem „Tal der Ahnunglosen“ aus der
Umgebung Dresdens sein, um den Blick sehnsuchtsvoll nach Berlin zu richten, von
dem man schon soviel gehört hatte, aber dessen Flair einen eigenen Charme
versprühte. Es war reizvoll und man wollte es wenigstens gesehen und gespürt
haben, wie die Stadt pulsierte im Gegensatz zu anderen Städten, deren
„Bordsteinkanten ab 20.00 Uhr nach oben geklappt waren“ wie der Volksmund sagte.
Aber ich denke, für viele war es auch schön, anschließend wieder in die für sich
selbst empfundene Beschaulichkeit und Vertrautheit der weniger lauten Orte zu
kommen und dann von Berlin zu erzählen und mitreden zu können, aber im
Hinterkopf zu haben, dort nicht leben zu müssen. Die Bilder, die Harald Hauswald sorgfältig für dieses Werk ausgesucht hat, sprechen für sich und zeigen die Vielfältigkeit der Stadt und ihrer Bewohner. Sie sind auch auf wunderbare Weise verschiedentlich zu interpretieren. Lutz Rathenow gewährt uns einen Einblick über die damaligen Verhältnisse, und dass man in der restlichen Republik annahm, es ginge in Berlin lockerer zu, wenn auch in einigen Beziehungen sicher fälschlicherweise - wie z.B. der Besuch des alten Freundes, der nach dem ersten Mal keine weitere Einreisegenehmigung bekam, allerdings ohne Begründung. Ich möchte hier noch etwas Persönliches hinzufügen, um zu erklären, warum ich denke, dass dieses Buch unter die Rubrik „Auf der Waagschale“ gehört. Wie anfangs schon erwähnt, ist es ein Buch, dass es sich zu lesen lohnt, aber sicher auch zu diskutieren. Nach den ersten 30 Seiten war ich nicht ganz sicher, ob ich weiter lesen wollte, habe es aber getan, und immer öfter entlockte das Buch mir ein Schmunzeln oder eben auch ein Zweifeln: Ich fragte mich - war das wirklich so? Und mir dann manchmal selbst die Antwort gab: „Ja doch, ist schon was dran.“ Aber es gab eben auch Momente, die ich anders erlebt habe. Zu vermeiden ist es sicherlich auch nicht, wenn man heute dieses Buch liest, bereits andere Vergleiche zu ziehen. Ist wirklich das eingetreten, was man sich vom Mauerfall erhofft hat? Vielleicht nimmt sich Lutz Rathenow gemeinsam mit Harald Hauswald dieser Fragen auch noch an, und das dürfte einen sehr interessanten Lesestoff geben. Mein eigentliches und abschließendes Fazit: Dieses Buch lohnt der Lektüre, weil es dem Leser die Möglichkeit gibt, sich seiner eigenen Gedanken zu vergewissern. Es bleibt nicht bei einem Mal Lesen.
Ost-Berlin. Leben vor dem Mauerfall. Life before the Wall fell Mit Photographien von Harald Hauswald Jaron 2005 128 S., Euro 12.- ISBN 978-3897735224
Die Rezensentin ist Mitarbeiterin der Librikon-Redaktion.
Zeitlos nicht, aber empfehlenswert Bart Moeyaert: "Mut für drei" Von David Schmidhofer, Wien
„Zeitlos“ sind die drei Erzählungen von Bart Moeyaert in seinem nun erstmals in deutscher Übersetzung erschienenen Kinderbuch "Mut für drei" auf den ersten Blick zwar nicht, empfehlenswert sind sie dafür allemal. Einerseits handelt das Buch von Kindern, denen etwas Spannendes passiert, die Ideen haben oder die ein Problem plagt. Andererseits stammen die Themen, die Moeyaert dabei anspricht, betont aus unserer heutigen Zeit. Der Autor verzichtet aber auf moralisierende Aussagen und liefert dadurch ansprechende Kinderliteratur, die Kinder zum Nachdenken anregt und Eltern Möglichkeiten und Anreize bietet, mit ihren Kindern über das eine oder andere darin behandelte Thema zu sprechen. Kindliche Neugier steht am Anfang, Verblüffung am Ende der ersten Erzählung. Der Liebesbrief, den Rosie findet, ist „an mein Herz“ gerichtet und stammt „vom Mann deines Lebens“. Der Leser, der von einem Liebesbrief eines Mannes an eine Frau ausgeht, wird am Ende überrascht, stellt sich doch heraus, dass das Liebespaar aus zwei Männern besteht. Eine gestresste Mutter und ein Junge mit großem Bewegungsdrang stehen am Anfang der zweiten Erzählung und bieten den Stoff für ein kleines Abenteuer, bei dem der „Höhlenbauer“ Tom auf den „Baumhausbewohner“ Bas stößt. Die letzte Erzählung handelt von einem Mädchen, das in der Schule seine Mitschüler quält. Dieses Kind bringt man nicht durch Zurückschlagen zur Vernunft, sondern mit Grips. „Sei schlauer als deine Faust“, sagt die Mutter und im entscheidenden Moment fällt Marta tatsächlich ein Trick ein… Man könnte sagen, Mut für drei setzt sich mit Themen wie Homosexualität, Familienprobleme und Gewalt in der Schule auseinander. Doch man tut dem Buch damit Unrecht. Denn in erster Linie enthält es Geschichten für Kinder – Geschichten, die Kinder spannend und interessant finden. Dass dabei gegenwartsnahe und aktuelle Probleme behandelt werden, mag mit ein Grund dafür sein, dass Kinder dieses Buch mögen werden. Aber auch der auf den Punkt gebrachte, bündige Erzählstil und der leicht verständliche und doch spannende Inhalt der Erzählungen tragen dazu bei. Ein gelungenes Buch von Bart Moeyaert – auch wenn es nicht an seine 2006 erschienene Erzählung Brüder herankommt.
Mut für drei Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler Hanser 2008 72 S., Euro 9,90 ISBN 978-3446208964
Der Rezensent hat niederländische Philologie studiert und arbeitet als freier Übersetzer.
Zwangsläufig oberflächlich Pauline Sebens: "Mal mir mich" Von Harald Klinke, Karlsruhe
Kunstgeschichten für Kinder finden sich im Buchhandel zuhauf. „Rembrandt für junge Leser“, „Emil Nolde für Kinder“ oder „Henri Rousseau - Kunst für Kinder“ sind nur einige der in den letzten beiden Jahren erschienen Kunstbände. Auch der Titel des Büchleins „Mal mir mich“ lässt die Geschichte eines Kindes vermuten, das seine Mutter um ein Bildnis von sich bittet. Tatsächlich beginnt das Buch mit der Begegnung der sechsjährigen Pauline mit der Mona Lisa, wobei die Identität des in der ersten Person schreibenden Erzählers undeutlich bleibt. Dem Leser wird nicht klar, wer davon berichtet „eine Weile gesucht und herausgefunden“ zu haben, „dass Künstler früher keine Gemälde von sich selbst gemalt haben“ (S. 18). Für das im Steckbrief vorgestellte Mädchen im Vorschulalter erscheint die Exkursion durch die Kunstgeschichte recht frühreif. Erst der Pressetext klärt darüber auf, dass es sich um einen Dialog zwischen der Autorin und sich selbst als Kind handeln soll. Aber auch dann bleibt die Absicht des Buches weiter undeutlich, geht es doch weder um das Gezeichnet-werden, wie der Titel verspricht, noch ausschließlich um Künstlerselbstbildnisse. So werden neben der Mona Lisa auch eine Ikone, ein Gemälde von Vermeer und Monets Landschaftsbild „Impression, soleil levant“ (1872, Paris, Musée Marmottan) vorgestellt. Dieser Rundgang durch 500 Jahre Kunstgeschichte, reduziert auf knapp 50 bunte Seiten, muss zwangsläufig oberflächlich bleiben. Dies mag gewollt sein, schließlich handelt es sich um ein Kinderbuch. Doch dann wundert sich der Leser, dass über zwei Seiten die der Lebenswelt eines Kindes ferne Reformation und ihre Bildproblematik dargelegt wird, eine praxisnahe Auskunft über die Technik der Malerei dagegen fehlt. Ebenso wird die Frage, warum sich Dürer in seinem Selbstbildnis von 1500 wie Christus darstellt, zwar aufgeworfen. Als Grund dafür wird jedoch nur angegeben, er habe „etwas ganz besonderes machen“ wollen (S. 23). Dabei hätte gerade hier die Möglichkeit bestanden, der jungen Leserschaft, die der Verlag als „ab 10 Jahre“ definiert, die Motivation eines Künstlers zum Selbstbildnis und seine kompositorischen Überlegungen nahe zu bringen. Die Idee der Conformitas Christi darzulegen, würde selbstverständlich eine längere Ausführung benötigen, aber gerade hieran wird deutlich, dass die weite Reise durch die Kunstgeschichte mit den vielfach angerissenen Problematiken den Rahmen eines kleine Büchleins sprengen muss. Stattdessen hätte sich auf ein einziges Gemälde konzentriert werden sollen, das, per Bildanalyse und mit historischen Daten angereichert, einen weit fundierteren Erkenntnisgewinn erzielt hätte. Es ist schade, dass die im Original zum Teil lebensgroßen Gemälde nicht wenigstes seitenfüllend, sondern in der Größe einer Streichholzheftchens und zudem mit teilweise großen Farbverfälschungen wiedergegeben werden. Auch wirken die digital hinzugefügten, meist epochenfremden Rahmen wahllos. Am gelungensten ist die Passage über die Impressionisten geraten. Hier zeigt die Autorin ihre Fähigkeit, in einfachen Worten einfühlsame Anekdoten zu erzählen, die die Lebenssituation der Künstler anschaulich macht. Am Ende fragt sich die Pauline, wie sie sich denn nun selbst malen solle. Wie eine Ikone, wie Mona Lisa oder wie die Impressionisten? So folgt der historischen Betrachtung der Aufruf, selbst aktiv zu werden. Die Wahl eines Stils führt das Kind dann zur Beschäftigung mit der eigenen Persönlichkeit. Dies hätte von Anfang an im Zentrum des Buches stehen können. Das Buch „Mal mir mich“ eignet sich kaum für Kinder. Es ist vielmehr als Hilfsmittel für Eltern und Erzieher zu denken, die Kinder an die Kunst heranzuführen möchten. Für sie sind offenbar der biographische Anhang und die Literaturhinweise gedacht. So bleibt das Buch zwischen den Zielgruppen unentschieden, erscheint überstürzt produziert und ist in jedem Fall unbefriedigend.
Mal mir mich Horncastle Verlag 2007 60 S., 12,90.- ISBN 978-3-938822-07-4
Der Rezensent ist Kunsthistoriker und lehrt an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.
Trauriger Trend "Der liebste Wolf der Welt"
(librikon) Die moderne Irritation. „Der liebste Wolf der Welt“ liegt im Trend. In Mal- und Farbtechniken, im Collagenhaften. Die Geschichte aber ist originell: Ein Wolf stellt sich nett und gibt sich als Vegetarier aus, das Mädchen nimmt ihn mit nach Hause zur Großmutter. Nachts steht der Betrüger auf und frisst, was das Zeug hält. Kaninchen, Hühner und auch den Nachbarn. Die Geschichte ist sprachlich erfrischend erzählt, geschliffen und gut. Doch was die durchleben, für die Dunkelheit noch Dunkelheit ist und Böse böse sind, das möchte man gar nicht nachfühlen. Zum Schluss setzt man das Kind vom Schoß und fragt sich: Ist es nicht doch ein schlechtes Buch? Die Erklärungen, die Interpretationen, die es braucht? Als hätten da Kreative zusammengesessen und sich gesagt: Nun holen wir mal alles heraus und richten ein Durcheinander an. „Der liebste Wolf der Welt“ hat einen nicht zu langen Text und auf jeder Seite Bilder. Es ist ein Bilderbuch. Aber ist es auch für Kinder? Diese Frage stellt man sich; muss man sich stellen. Denn der traurige Trend, auf den manche gar sehnsüchtig warten, dürfte dieses Buch der beiden Autorinnen aus Genf erfasst haben: Es ist ein Bilderbuch für Erwachsene. Für gebildete Erwachsene zwar, aber eben doch ein Anzeichen, das auch bei ihnen eine sanfte Infantilisierung angekommen ist. Und so, wie sich Schlümpfe auf Computern finden oder Schlüsselanhänger wurden und dadurch das Kind als Spielkamerad aus dem Auge verloren, so wird es auch mit den Bilderbüchern werden. Ein Markt will erschlossen werden, weil weniger Kinder auch weniger verkaufte Bilderbücher bedeuten. Das ist der Lauf der Dinge, ja, aber ein wenig wehmütig darf man schon sein. So wie jemandem, der erst inmitten spielender, lebhafter Kinder ist und dann in einer um Jugendlichkeit bemühten Seniorengruppe. Machen Sie den Test.
Der liebste Wolf der Welt Hanser Verlag 2008 32 S., 12, 90.- ISBN-13: 978-3446209794
Von kichernden Jungfrauen und leichter Kost Eleni Dafnidi: „Barbies Vernichtung“ Von Marina Jenkner, Wuppertal
„Ich wurde an einem Tag geboren, als alle Musen frei hatten. Keine besonderen Vorzüge, kein Talent, keine besonderen Gaben. Nichts. Meine Eltern liebten mich, indem sie mich fütterten. Ich bekam sozusagen Liebe mit dem Löffel. Unzählige Lagen Fett, unzählige Dosen Liebe verwandelt in Moussaka, Nudeln und Torten. Ihre Liebe quoll überall über, aber vor allem an meinem Körper, an meinen Hüften, an meinem Hintern.“ So beginnt der Roman „Barbies Vernichtung“ der griechischen Autorin Eleni Dafnidi. Was am Anfang noch klingt wie eine psychologische Erklärung der Dickleibigkeit, entwickelt sich im Laufe des Buches zu einer absurd-romantischen Seifenoper um die übergewichtige Jura-Studentin Thenia. Die 23-Jährige wiegt über 100 Kilogramm, überspielt ihre Unsicherheit durch Selbstironie und lässt sich von ihrer Freundin Rea zu einer Diät inklusive Beschlagnahmung ihres Portemonnaies überreden. Das Gewichtsproblem gerät jedoch vor den spätpubertären Liebeswirren in den Hintergrund: Rea liebt Janni, Janni liebt Thenia und Thenia liebt Ari. Und die beiden infantilen Studentinnen kichern über die Männerwelt und sehnen sich ihre Entjungferung herbei. Ein zweiter Handlungsstrang persifliert etwas langatmig und motivationslos eine Reality-Fernsehserie namens „Der Bus“, die durch eine echte Entführung plötzlich das ganze Land bewegt. Unterhaltsam dagegen die Inszenierung einer Trennung des Barbiemannes Ken von Barbie, an dessen Ende Barbies Verzweiflung auf den Punkt gebracht wird: „Es ist das erste Mal, dass sie sich wünscht, es wäre auch eine tote Barbie auf dem Markt...“ Ja, es gibt sie, die starken und bedeutungsvollen Sätze in diesem Buch, wenngleich man sie manchmal zwischen den seichten Wogen vor sich hin plätschernder Handlung suchen muss. Ansonsten ist die Sprache frisch und frech, die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund und spricht den Leser mit Sätzen wie „Stellen Sie sich vor...“ direkt an. Das ist teilweise unterhaltsam, teilweise ist es bedauerlich, dass dem Leser wenig Platz für eine eigene Meinungsbildung gelassen wird. Personen werden entweder abgewertet oder verherrlicht. So ist Reas ebenfalls übergewichtige Bekannte Sofia ein „Schandfleck der Natur“, während der „Gott Ari“ bei Thenia regelmäßig Vogelgezwitscher und Ohnmachtsanfälle auslöst. Natürlich alles nur im Dienste des Humors, der in Deutschland mit Metaphern wie „Rea heult wie ein Schlosshund, als würden wir Iro als Freiwillige in den Irak schicken“ und „ein Blick wie ein deutscher Nazi vor einem Krematorium“ möglicherweise nicht bei jedem auf Amüsement stoßen wird. Immer dann, wenn man sich wünscht, Einblicke in Thenias Innenleben zu erhalten, mehr über die Hauptfigur zu erfahren als die spätpubertären Liebesphantasien und ständige Selbstironie, wird die Handlung wieder ad absurdum geführt. Der Verlag schreibt über das Buch: „Dicke haben zwar manchmal ein schweres Leben, dafür aber kiloweise Humor!“ Schade, dass damit ein Klischee bedient und Schubladendenken gefördert wird. Aber zum Glück sind ja auch die schlanken Figuren in dem Roman stereotyp. Am Ende gelangt Thenia zu der weisen Erkenntnis, dass ihre Fettpölsterchen Männer zum Durchdrehen bringen können: „Sie fühlt, dass sie alles doppelt hat, wie ihre Kilos. Doppelt Weib. Doppelt begehrt.“ Thenia bricht ihre Diät ab. Dem Leser bleibt die leichte Kost eines Buches, das zwanghaft unterhalten will.
Barbies Vernichtung Ant Verlag 2006 288 S., 15.- ISBN-13: 978-3981098303
Die Rezensentin ist Germanistin, Buchautorin und Filmemacherin (www. marina-jenkner. de)
Das eigene enge Denkwohnzimmer Mouk bleibt Mouk und wird nicht Muck
(librikon) "Die große Reise des kleinen Mouk" soll eine Adaption des Hauffschen Kleinen Mucks sein. In die Gegenwart allerdings versetzt Marc Boutavant Muck in Form seines Mouks nicht. Auf den ersten Blick erkennbar: Es ist die Ästhetik der siebziger Jahre, der sich das Buch verschrieben hat. Irgendwie kommen einem die Farben und Formen bekannt vor, wenn auch eine passende, eher als TV- oder Plüschtierfigur assoziierte Figur nicht aufzufinden ist. Nur so ähnliche. Auch inhaltlich wird nur ein wenig am Rad der Zeit gedreht. Die Traveller der 70er Jahre träumten sich wirklich so in ihr Lebensgefühl hinein, dass sie sich für die einfühlsamen Reisenden hielten. Diesen Trugschluss nimmt Mouk auf seine Reisen durch viele Länder der Erde mit, man könnte fast meinen, sein Durchrattern von Kontinenten und Klischees sei reisen. Aber schneller als die echten Traveller landet man in diesem Buch bei der bitteren Wahrheit: Mouk bleibt Mouk und lässt die Welt schon draußen. Sein Blick auf die Welt erinnert an die Rentner in ihren immer größer werden Campingbussen mit Riesenscheiben. Das eigene enge Denkwohnzimmer immer dabei. Das ist der Mouk der Gegenwart. Manchen Großeltern dürfte das Buch also allemal gefallen. An viele heutige Kinder tritt „Die große Reise des kleinen Mouk“ vertraut heran, weil es an die vielen Karten- und Computerspiele erinnert, die keine wirklichen Regeln haben und nie enden. So ist auch bei Mouk. Keine Dramatik, viel Kleinklein, keine Ausgänge. Für Kinder ab vier ist es mehr ein Spiel als ein Buch, schon wegen des großen Stickerbogens voller Figuren, die man einkleben kann. Natürlich immer wieder abziehbar; nichts bleibt. Kinder können sich lange damit beschäftigen und haben Freude dran. Einen Fehler macht man nicht, wenn man dieses Buch mitbringt. Deklarieren wir es einfach als eine sehr bunte Reminiszenz an eine Zeit, von der uns nur ein Abklatsch bleibt.
Die große Reise des kleinen Mouk Hanser Verlag 2008 23 S., 14,90.- ISBN: 978-3446209787
Wie Katzen die Welt sehen Hauskatze Ilsebill steht Rede und Antwort in: Ich bin hier bloß die Katze Von Andrea Bannert, Königsdorf
Wem das neue Buch von Hanna Johansen mit dem Titel „Ich bin hier bloß die Katze“ in die Hände fällt, der kann es schon wegen des Covers nicht mehr weglegen. Hauskatze Ilsebill, ihres Zeichens Protagonistin des Buches, fixiert einen frech mit ihren grünen Augen. Ilsebill hat es nicht leicht mit ihren Menschen. Zum einen ist da der Hund der Familie. Dieser verursacht nicht nur einen Höllenlärm, er riecht auch streng, besonders wenn es regnet. Aber dann gibt es auch noch das Baby, das Mama eines Tages einfach von einer Reise mitgebracht hat. Es hinterlässt zwar keine Pfützen in der Wohnung und den Briefträger hat es auch noch nicht gebissen, aber das Geschrei ist einfach unerträglich. Dem ist aber nicht genug, denn das Getue der Erwachsenen im Umgang mit dem Baby regt Ilsebill mindestens genauso auf. Schließlich war ein bestimmter Tonfall bisher ihr vorbehalten. Überhaupt benehmen sich die Menschen zu bestimmten Anlässen extrem seltsam. Zu Weihnachten beispielsweise. Grässlich: Unruhe, Feuer und schlechte Luft. Da kann es schon einmal passieren, dass die Katze den Christbaum umwirft und den Lachs stielt. Und dann sind da noch die Urlaubsreisen. Noch grässlicher! Aber wie in allen anderen Dingen des Lebens, hat Ilsebill bezüglich der Urlaubsreisen ihren ganz eigenen Kopf. Sie „weiß nämlich nicht nur was sie will, sondern auch was sie wollen sollte. Und jeder weiß, dass das etwas anderes ist als das, was sie sollen wollte.“ Ilsebill will „auf keinen Fall was sie soll und auf jeden Fall was sie will“. Ob es ihr gelingen wird die Urlaubsreise zu verhindern? Hauskatze Ilsebill entführt uns in die Welt ihrer Gedanken. Dabei erzählt sie mit viel Wortwitz Anekdoten aus ihrem Katzendasein und tut ihre Meinung über die Menschen kund. Es ist ein leises Buch, das einen mit einem Schmunzeln auf dem Sofa sitzen lässt, mit der anderen Hand, sofern vorhanden, die eigene Katze kraulend. Und dann ist es wirklich Schade, wenn das Buch schon nach 126 Seiten zu Ende ist. Das eigentliche Problem des Buches ist die Altersempfehlung ab acht Jahren, weshalb es in den Buchhandlungen häufig bei den Kinderbüchern zu finden ist. Für Kinder ist das Buch jedoch nicht geeignet. Die praktisch gänzlich fehlende Handlung macht das Buch für Kinder langweilig, da sie den Witz und die Ironie des Buches noch nicht verstehen. Und auch direkte an eine junge Leserschaft gerichtete Anreden, wie: „Und ob Sie nun sieben oder siebzehn sind, Sie sollten sich rechtzeitig daran gewöhnen, dass man „Sie“ zu Ihnen sagt“, sind auch eher für den erwachsenen Leser lustig. Die humorvoll und liebevoll erzählte Geschichte ist von Hildegard Müller mit kleinen schwarz-weiß Zeichnungen mit Hunden, Menschen und vor allem mit Ilsebill hinreißend illustriert. Die Zeichnungen erscheinen nicht nur auf reinen Bildseiten, sondern über, zwischen und unter dem Text, grübelnd, verschmitzt, vorwurfsvoll und nachsichtig. Das Anschauen macht ebensoviel Spaß wie das Lesen. Fazit: Es ist ein wunderbares, sarkastisches Schmunzelbuch für Erwachsene und ältere Jugendliche. Kinder dürften mit den Wortspielen, der sehr kargen Handlung und dem Witz dieses Buches nur wenig anfangen können. Also eher geeignet für die etwas älteren Katzenliebhaber!
Ich bin hier bloß die Katze Hanser Verlag 2007 128 S., 10,00.- ISBN: 978-3-446-20910-7
Die Rezensentin ist Kinderbuchautorin und bereitet zur Zeit ihr Debut vor.
Vorrangig beruhigend Schöne Sammlung: Der WiegenliederSchatz Von Melanie Grundmann, Berlin
»Bona nox! bist a rechter Ochs, bonna notte, liebe Lotte, bonne nuit, pfui, pfui, good night, good night, heut' müß' ma no weit, gute Nacht, gute nacht, scheiß' ins Bette, daß's kracht, schlaf' fei g'sund und reck den Årsch zum Mond.«
Derbe Texte gibt es nicht erst, seit schlagzeilenkräftige Deutschrapper Furore machen. Schon Mozart reimte in Fäkalsprache wie oben stehender Reim zeigt. Dieses und andere amüsante Wiegenlieder finden sich im WiegenliederSchatz von Timon Schlichenmaier. In kulturgeschichtlicher Hinsicht sind Wiegenlieder sehr interessant. Trotz einer Vielzahl von sinnfreien Schallwörtern wie eiapopeia finden sich in ihnen traditionell Krisenzeiten wie Kriege und Epidemien verarbeitet. So kommt es in manchen Fällen zu eher tragischen Texten wie »Heidipumpeidi, das Kindle will er uns furttragn, ja tragn.« Durch den Wiegenlied-typischen Rhythmus von beruhigenden fallenden Intervallen, nach unten tendierenden Tonfolgen, ruhigem Tempo, suggestiven Wiederholungen und warmen Klangfarben bleibt die vorrangig beruhigende Wirkung des Wiegenliedes jedoch grundsätzlich erhalten. Der WiegenliederSchatz, der sich eher an Eltern und Kinder statt an kulturgeschichtlich Interessierte richtet, verzichtet weitgehend auf derart verschreckende Texte. Die Sammlung ist praktisch ausgerichtet: Neben mehr als 180 Wiegenliedern, deren Melodien mit den Texten angegeben sind, findet sich in der Premium-Edition auch eine CD mit Aufnahmen ausgewählter Werke. Die Interpretation der Wiegenlieder ist originalgetreu, wirkt dadurch aber leider etwas antiquiert. Eine Ausstattung der CD mit Titelerkennung wäre erfreulich gewesen, um die Lieder gezielt und ohne umständlichen Rückgriff auf die im Buch befindliche Titelliste aufzufinden. Lobenswert ist dagegen das umfangreiche Register, das einerseits die Suche nach Komponisten und Texter erlaubt, daneben aber auch die nach dem Liedanfang, was dem einen oder anderen eine verloren geglaubte Kindheitserinnerung zurückbringen mag. Die esoterisch anmutenden 'Blaubilder', die zwischen den einzelnen Liedtexten angeordnet sind, überzeugen leider nicht, zumal ein thematischer Bezug hier nicht zu erkennen ist. Die davon abgesehen ansprechende optische Aufmachung mit Leineneinband und Lesefaden wird inhaltlich leider nicht konsequent fortgeführt. Manch unverständliche Dialekte werden erfreulicherweise übersetzt, andere bleiben dagegen unklar. Auch die Erläuterungen werden sehr selektiv vorgenommen: Unbekannte Begriffe wie 'Habersack', 'Göscherl' oder 'Fehle' bleiben unverständlich, während bekannte Wörter wie 'eitel', 'Luftgespinste' oder 'Wonne' erläutert werden. Trotzdem das Vorwort »viele weitere Informationen« zu den Liedern verspricht, fallen die gegebenen Hintergrundinformationen recht spärlich aus. So wäre es schön gewesen, im Vorwort einen kurzen kulturhistorischen Einblick in die Entwicklung und das Wesen der Wiegenlieder zu geben, um dem angepriesenen »Schmuckstück« etwas mehr Substanz zu verleihen und die vor dem Vergessen geretteten Lieder historisch besser einordnen zu können. Fazit: "Der WiegenliederSchatz" ist eine schöne Sammlung traditioneller Wiegenlieder und sei allen Eltern ans Herz gelegt, die ihre Kinder in den Schlaf wiegen wollen. Als für den praktischen Gebrauch besonders nützlich dürften sich die Melodien und Lieder erweisen. Informationen zu den Wiegenliedern als traditionellem Volksgut werden hier leider nicht vermittelt, was zu bedauern ist, da es dem Format durchaus angepasst gewesen wäre.
Hg. v. Timon Schlichenmaier Timonverlag 2004 (mit Audio-CD 2007) 310 S., 29,90.- (mit Audio-CD 39.-) ISBN 3-938335-009
Die Rezensentin ist freischaffende Autorin und Kulturwissenschaftlerin.
Selbst Produkt der globalisierten Welt Bilder der Vergangenheit Von Elmar Uherek, Mainz
Seit 2003 schreibe ich als Klimawissenschaftler insbesondere Texte für den Schulunterricht, auch über die Arktis. Denn die Arktis ist eine Region der Erde, in der sich die Erwärmung der Erde deutlicher zeigt als irgendwo anders. Das Kinderbuch „Licht an! In der Polarnacht“ aus der Reihe Meyers kleine Kinderbibliothek möchte erklären, wie es in der an den Polen aussieht. „Licht an!“ lebt von der Idee, einzelne Szenen auf einer transparenten Seite vor schwarzem Hintergrund mit einer Papptaschenlampe auszuleuchten. Ich mag die Idee, da unser Auge meist sehr viele Reize auf einmal verarbeiten muss. Der Spot der Taschenlampe hebt jedes Element für sich hervor. Man kann mit dem Kind schrittweise auf Entdeckungsreise gehen, die Umgebung ausblenden. Was aber gibt es zu entdecken und zu lesen? Beim Durchblättern der Seiten von vorne nach hinten stoße ich vor allem auf viel Klassisches und Historisches: die Ureinwohner, die Pinguine, die Hundeschlitten, die Zugvögel, ähnlich dem, was ich mit 4 oder 5 Jahren über die Polarregionen gelernt habe. Freilich, damals hießen die Inuit noch Eskimos und das Büchlein informiert auch, dass sie seit den 1960er Jahren nicht mehr in Iglus, sondern in Holzhäusern leben. Ein kleiner Sachfehler: das Eismantel der Antarktis ist 1000 m dicker als angegeben. Aber darum geht es weniger. Das Buch zeigt dann eben doch traditionelle Hundeschlitten und ein Iglu von innen und gleich mehrfach von außen. Geht es um einen Rückblick auf alte Traditionen? Die Entdeckungsreisen von Amundsen und Scott werden ausgeleuchtet, das Nomadenleben der Inuit. Die klassische Tierwelt wird beschrieben, aber nicht ihr Wandel. Die Inuit tragen Fellkleidung. Moderne Textilien haben zwar ihren Weg an den Pol gefunden, nicht aber in das Büchlein. Dann, schon fast am Ende des Buches, ein Hinweis darauf, dass die Arktis gefährdet ist. Die Erde wird wärmer, das Eis schmilzt und auch ein Motorschlitten taucht auf. Die Referenz an das Heute kommt spät. Warum? Schließlich ist doch das Buch selbst Produkt unserer heutigen globalisierten Welt. Direkt beim Aufschlagen findet sich auf Seite zwei ein Bild des Buches, der Text hier allerdings in französisch. Ich schlage nach und finde, dass die Originalausgabe französisch ist. Offenbar hat man alle Bilder der Originalfassung für die deutsche Übersetzung übernommen. Ich kenne das Problem von unserer eigenen mehrsprachigen Webseite. Übersetzte Bilder erhöhen die Produktionskosten. Auf der letzten Seite der Hinweis „Printed in China“. Lange Transportwege von Niedriglohnländern und ihr Energieverbrauch, sie sind ein Grund für das Schmelzen des arktischen Lebensraumes. Ich schließe das Buch und denke an schwimmende Fischfabriken, an norwegische Kollegen in Multifunktionskleidung, an hungernde Eisbären und an unbefahrbare Straßen in auftauendem Permafrost. Ich stecke die Taschenlampe zurück ins Buch und überlege, wie viel von dem man wohl mit Kindern ab vier Jahren schon ausleuchten kann. Es wäre zu prüfen. Aber meinen jungen Lesern möchte ich lieber mehr vom dynamischen Heute erzählen, als von Bildern der Vergangenheit, die noch viel vergangener sein werden, wenn die Kinder einmal erwachsen sind.
Ausgedacht von Ute Fuhr, Raoul Sautai und
Claude Delafosse, 7,95 Euro
ISBN 978-3-411-09249-9 Der Rezensent ist am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz tätig.
Zwei Fehler Die Wahrheit übers Schwein Von Doris McGinness, Erlensee
Der Ruf des Schweins ist bei uns noch immer entschieden zu schlecht. Als dumm und schmutzig gelten sie, mit der Wirklichkeit hat das nichts zu tun. Schweine sind sehr intelligent und extrem sauber! Da kann das Geraderücken des Bildes gar nicht früh genug beginnen. Insofern ist es eine gute Sache, wenn in einer Kinderlexikon-Reihe nun ein Band „Das Schwein“ erscheint und schon kleinen Kindern –die Reihe richtet sich an Kinder ab 4- das Schwein erklärt. Viel Kluges, Wissenswertes findet sich darin. Doch zweierlei ist in dem Buch falsch: 1. Schweine fressen zwar Fleisch, aber heutzutage ist es strengstens verboten, an sie Fleisch zu verfüttern, da durch Fleisch zum Beispiel die Schweinepest und noch einige andere Krankheiten übertragen werden können. Es ist heutzutage sogar strengstens verboten, sogenannte „Speisereste" an die Schweine zu verfüttern!!! Egal ob in privater Haltung oder in Mastställen. 2. Ein Schwein ist erst mit etwa 4 Jahren ausgewachsen und nicht, wie in dem Buch zu lesen ist, mit 7 Monaten! Leider (oder in vielen Fällen zum Glück) werden ja die meisten Tiere wesentlich eher geschlachtet (genau genommen im Kindesalter!) Eltern müssen also das Büchlein mit ihren Kindern anschauen, um die Fehler richtig zu stellen. Genauso wie bei jeder Gelegenheit die schlichtweg falschen Klischeevorstellungen.
Idee und Illustrationen: Sylvaine Peyrols, Text: Friederike Naroska Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 2., überarbeitete Auflage 2007 24 S., 8,20.-
ISBN 978-3-411-07066-4 Die Rezensentin ist Mitglied des Vereins "Schweinefreunde e.V." und setzt sich für die artgerechte Haltung von Schweinen ein. Sie hält selber Schweine in der Hobbyhaltung.
Altes Problem – moderne Antwort Vor historischer Kulisse: Im Namen der Königin Von Heiko Droste, Stockholm
Das Buch erzählt die Geschichte eines 14-jährigen Mädchens. Es verliert bei einem Reiterangriff seine Erinnerung und weiß nicht, wer es ist und wie es heißt. Es nimmt den Namen Kristina an. Kristina „erwacht“ auf der Insel Rügen im Jahr 1652, wenige Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs. Rügen gehörte damals zur Krone Schweden. Kristina entdeckt, dass sie fechten kann und dass sie deutsch und schwedisch spricht. Sie spürt, dass sie in die Hauptstadt Stockholm reisen muss, wo Königin Kristina regiert. Auf dieser Reise wird sie von drei anderen Kindern bzw. Jugendlichen begleitet. Das Buch erzählt diese Reise, die allmählich immer abenteuerlicher wird und voller Gefahren ist; sie sollen hier nicht verraten werden. Das Buch erzählt auch die Geschichte einer Freundschaft zwischen Menschen mit jeweils unterschiedlichen Glaubensvorstellungen. Kristina stellt fest, dass sie religionskritisch ist. Sie lernt Protestanten, Katholiken, Juden, einen Moslem, ein Mädchen mit naturreligiösen Vorstellungen sowie Freidenker kennen. Diese Geschichte ist historisch nicht immer korrekt. So gab es zur Zeit Kristinas in Stockholm nicht „viele Jesuiten“. Die erwähnte Riddarholmskirche war keineswegs Begräbniskirche vieler schwedischer Könige. Dort lag vielmehr nur ein einziger König begraben, Gustav II. Adolf, der Vater Königin Kristinas, der anders als im Buch zu seinen Lebzeiten kaum Gustav Vasa genannt wurde. Solche und andere Detailfehler fallen freilich kaum ins Gewicht, denn das Anliegen der Autorin ist nicht, ein Geschichtsbuch zu schreiben. Das Mädchen Kristina wie die Menschen, die es auf seiner Reise trifft, handeln, denken und sprechen nämlich wie wir. Maiken Nielsens Buch ist damit ebenso „historisch“ wie die überwiegende Zahl historischer Romane, die vor dem Hintergrund historischer Kulissen über moderne Helden berichten. Anderenfalls würden wir das Buch auch kaum verstehen oder lesen wollen. Das Buch ist somit weniger ein historischer Jugendroman als vielmehr ein Buch über Religion. Königin Kristina hat in ihrer Regierungszeit viel über solche Fragen nachgedacht. Sie hat den Thron noch in jungen Jahren aufgegeben, ist zum katholischen Glauben übergetreten und nach Rom gezogen. Diese Geschichte hat Maiken Nielsen offenbar sehr beeindruckt. Ihr Anliegen ist die religiöse Toleranz. Die jungen Leser sollen den Mut finden, andere Glaubensrichtungen zuzulassen. In der Doppelfigur der Romanheldin wie der Königin, die nicht zufällig beide Kristina heißen, propagiert die Autorin diese Toleranz und Freidenkerei. Der historische Hintergrund ist hier nur ein Aufhänger, wobei Königin Kristina mit ihren religiösen Zweifeln sich hierzu besonders eignet. Sie hat mit sich gekämpft und darüber berichtet. Maiken Nielsens Buch ist eine moderne und nachdenkenswerte Antwort auf ein altes Problem.
Im Namen der Königin Historischer Jugendroman Rowohlt Verlag 2007 378 S., 12,95.- ISBN: 978 3 499 21440 0
Der Rezensent ist Historiker und an der Hochschule Södertörn in Stockholm tätig. Seine Schwerpunkte sind die schwedische Geschichte seit der Reformation, Kulturgeschichte sowie die Geschichte der deutschen Städte vom 14. bis 17. Jahrhundert. Mehr dazu unter www.droste-enkesen.de
Erste Verliebtheit im Wilden Wald Trugbilder? Oder wahre Liebe?: Vialla und Romaro Von Tanja Walser, London
Vialla und ihre Familie wohnen in einem Dorf umgeben von Wald. Nur einmal im Jahr führt ein Brautzug zum nächsten Dorf. So begegnen sich Vialla und Romaro.Sie spüren, dass sie füreinander bestimmt sind, eine gemeinsame Zukunft soll ihnen jedoch verwehrt bleiben. Um der Liebe willen verlassen sie ihre Familien. Im Wilden Wald verfällt Romaro dem Zauber eines wunderschönen Mädchens. Vialla erkennt die wahre Gestalt des Dämons, der seine Beute mit Trugbildern verzaubert, und versucht, Romaro in die Wirklichkeit zurückzuholen, bevor er in seinem Gefängnis zugrunde geht. Ist ihre Liebe stark genug? Das Buch „Vialla und Romaro“ von Lilli Thal empfiehlt sich für das Lesealter ab 14 Jahren. obschon der Verlag hierzu keine eindeutigen Angaben macht. Die Beziehung von Vialla und Romaro wird nach dem gemeinsamen Verlassen ihrer Dörfer auch durch das körperliche Sehnen nach dem anderen in der ersten Verliebheit beschrieben - eine für Jugendliche aktuelle Thematik. Mit „Vialla und Romaro“ hat Lilli Thal einen poetischen Märchenroman vorgelegt, der die Kraft wahrer Liebe thematisiert, gleichzeitig aber auch immer wieder mit traditionellen Geschlechterrollen bricht. Eine empfehlenswerte Lektüre für LeserInnen, die an Büchern wie Ronja Räubertocher Gefallen gefunden haben!
Vialla und Romaro Gerstenberg Verlag 2007 208 S., 14,90.- ISBN 9-783-83695-1463
Die Rezensentin betreibt die Webseite shakespeare.ch. Sie ist Anglistin und lebt in London.
Notorische Krise In betulichem Sozialpädagogendeutsch: Warum Sara lacht und Josef weint Von Detlev Bauer, München
Wer
gerne Geschichten erzählt und wenig Erfahrung mit den Sagen und Märchen
des 1. Buch Moses hat, dem vermittelt Peter Eggers Buch einen guten
Einstieg zur selbständigen Umsetzung alttestamentlicher Erzählungen.
Warum Sara lacht und Josef weint. Ur-, Väter und Josefgeschichten für Kinder und Erwachsene neu erzählt und kommentiert Theologischer Verlag AG 2005 338 S., 23,80.- ISBN-10: 3-290-17354-2 ISBN-13: 9783290173548
Der Rezensent ist Pfarrer und Seelsorger in München.
Griechische Mythologie à la Inkiow Lieber mit Eltern lesen: Als Zeus der Kragen platzte Von Georg Bosold, Potsdam
Der
Autor, Dimiter Inkiow, stellt Teile der griechischen Sagenwelt dar.
Beginnend mit der Schöpfung und einiger der Urgottheiten, über die
Schilderung der Machtergreifung Zeus' werden verschiedene Gestalten der
griechischen Mythologie behandelt. Für Kinder werden die Sageninhalte in
heutiger unkonventioneller Sprache auf lustige Weise erzählt. Gegenüber
den antiken Quellen ergeben sich dabei mitunter kleine Abweichungen, die
der Kindgerechtigkeit der Darstellung dienen.
Insofern kann das Buch eine kurzweilige Lektüre für Kinder sein, die in
die Welt der griechischen Sage einführt.
Als empfohlenes Lesealter - es ist im Buch nicht angegeben - dürfte das
Grundschulalter anzusehen sein (Kinder bis 10 Jahre oder höchstens bis
12). Dies ergibt sich auch dadurch, dass ältere Kinder es wohl doch
schon etwas genauer wissen wollen und ihnen die Sprache zu kindlich
erscheinen könnte. Im übrigen gibt es für die Älteren ja den [guten
alten] Gustav Schwab ("Die schönsten Sagen des klassischen Altertums"),
wovon mehrere Bearbeitungen speziell für die Jugend existieren.
Die schwierige Aufgabe, den ursprünglich für Erwachsene überlieferten
Stoff kindgerecht aufzuarbeiten, hat der Autor sicherlich sehr gut
gelöst.
Trotzdem bleiben Fragen offen.
Das Buch beginnt mit der Darstellung der Schöpfung sowie der
Urgottheiten, wie sie in Hesiods "Theogonie" beschrieben werden.
Dargestellt wird auch der Machtkampf zwischen den Göttergeschlechtern
bis zur Machtergreifung Zeus'. Diese Begebenheiten werden übrigens trotz
des viel größeren Buchumfanges beim oben erwähnten Schwab kaum erwähnt –
vielleicht, weil es nicht ganz unproblematisch ist: Denn da der Autor
zum Beispiel in diesem Zusammenhang den Kindern nicht erzählen wollte,
dass Rhea Kronos veranlasste, seinen Vater Uranos mit einer Sichel zu
entmannen, schreibt er, der Himmel sei mit einer Sense zerstückelt
worden (S. 11). Danach hätte es aber wohl kaum noch einen Himmel
gegeben. Normalerweise fällt Kindern eine solche widersprüchliche
Konsequenz auf. Andererseits hat der Autor später die unappetitliche
Begebenheit berichtet, dass Tantalos seinen Sohn Pelops geschlachtet und
Als Zeus der Kragen platzte. Griechische Sagen neu erzählt dtv 2007, 128 S., 5,95.- ISBN 3-423-71243-0 ISBN-13 9783423712439
Der Rezensent ist Verfasser der Nachschlagewerke "Griechische Götter und Sagengestalten, systematisch" und "Griechische Sagengestalten. Mit den Quellen bei Hesiod, Homer und Apollodor" (beide weiterbilden Verlag)
Ständig übermüdet Jüdischer Fantasy-Roman: Golem stiller Bruder Von Andrea Livnat, Tel Aviv
Mirjam Pressler, eine der wichtigsten deutschen Jugendbuchautorinnen, hat erneut einen Roman mit jüdischem Thema vorgelegt. "Golem stiller Bruder" ist ein Fantasy-Roman, der trotz einiger Schwächen seinen Lesern die Dialektik des Lebens, und des jüdischen Lebens im Besonderen, zeigt. Mirjam Pressler, die selbst Jüdin ist, was allerdings für sie, wie sie selbst sagt, keine Bedeutung spielt, kehrt in ihren Romanen immer wieder zu jüdischen Themen zurück. Pressler ist im Übrigen auch die wichtigste Übersetzerin für hebräische Kinder- und Jugendliteratur, aber auch von hebräischen Romanen für große Leser. "Golem stiller Bruder" ist eine Mischung aus Fantasy- und Entwicklungsroman mit historischem Hintergrund im jüdischen Prag an der Wende zum 17. Jahrhundert. Seit ihrem Debüt mit "Bitterschokolade" von 1981, das ganze Generationen von Jugendlichen beeinflusst hat, wie man getrost sagen kann, ist immer wieder die zerrüttete Kindheit zentrales Thema von Presslers Romanen. Auch in "Golem stiller Bruder" kreist die Geschichte um zwei Waisen, die Geschwister Jankel und Rochel, die sich, nachdem die Mutter gestorben und der Vater nicht mehr nach Hause gekommen und schließlich die Tante krank geworden, nach einem neuen Zuhause umsehen müssen. Die Tante schickt sie nach Prag zu ihrem Onkel, wohin sie sich in einem langen beschwerlichen Fußmarsch aufmachen. Der Onkel ist einer der bedeutendsten Gelehrten des aschkenasischen Judentums: der MaHaRaL, der Hohe Rabbi Löw. Um ihn ranken sich zahlreiche Legenden, darunter am besten bekannt die Erschaffung eines künstlichen Menschen aus Lehm, der Golem. Jankel muss sich alleine in der neuen Umgebung zurecht finden. Seine kleine Schwester kommt bei einer anderen Verwandten unter und lebt sich dort gut ein. Für Jankel ist das weniger einfach, was nicht nur mit dem unheimlichen Mitbewohner in der Dachstube zu tun hat. Erst langsam versteht Jankel, dass der Golem, den alle Josef nennen, dazu erschaffen wurde, den Juden zu helfen und er beginnt eine seltsame Zuneigung für den Lehmmenschen zu empfinden. Jankel beginnt, in einer Backstube zu arbeiten, wo er auch Schmulik kennenlernt, der sein bester Freund wird. Gemeinsam verkaufen sie die Backwaren auf dem Markt, wo sie auch immer wieder Zeugen der Hetzreden des Mönchs Thaddäus werden, der zum Mord aller Juden aufruft. Das Leben in der Judenstadt Prags ist generell kein unbeschwertes, so dass auch der Roman an sich eher düster und unheimlich ist. Erst am Ende wird sich für den Leser ein Kreis schließen, der trotz der schrecklichen Ereignisse, die mit der Vernichtung des Golems enden, einen positiven Eindruck hinterlässt. Jankel wird aus seinem Dilemma einen Ausweg finden: "Es ist wahr, ich stand dazwischen, allein, und nie zuvor hatte ich dieses Dazwischen so stark empfunden. Ich stand zwischen Morina und Prag, zwischen dem Rabbi, dem Mann des Studiums, und Mendel, dem Mann der Arbeit, ich stand auch zwischen meiner Kindheit, die vorbei war, und dem Leben als Mann, das ich noch nicht gefunden hatte, ich stand zwischen dem Gestern und dem Morgen und wusste nicht, wie ich das Heute überstehen sollte." Und er wird sich dazu mit tiefgreifenden Einsichten auseinandersetzen müssen: "Wer gibt uns das Recht, das Leben von Menschen gegeneinander aufzurechnen?" - "Das Böse ist in uns. Josef war die Versuchung, doch wir haben nicht erkannt, ob es eine Versuchung zum Guten oder zum Bösen war." Die Empfehlung des Verlages für Jugendliche ab 12 Jahren scheint mir nicht recht passend, zu komplex sind die Ereignisse um Judenverfolgung und Ritualmordbeschuldigungen, die eine zentrale Rolle im Buch einnehmen. Während Mirjam Pressler die unterschiedlichen Versionen der Golem-Legende meisterhaft in den Roman eingearbeitet hat, bleiben andere Aspekte leider ein wenig auf der Strecke. Die Erzählung wirkt oft sehr unruhig, unausgewogen, dem Protagonisten Jankel geht es die meiste Zeit nicht gut, er ist ständig übermüdet, das wirkt oft überzogen. Von "Pogrom" hat man im 17. Jahrhundert noch nicht gesprochen und ich bezweifele, dass der Hohe Rabbi Löw den Daumen nach oben gestreckt hat als Zeichen der Zustimmung. Auch das Ende hat gewisse Schwächen, Jankel wählt einen für meine Begriffe überraschenden Weg, der nicht wirklich zu ihm passt. Vor allem aber fehlt eine Abschiedsszene mit dem Rabbi Löw, der eine so bedeutende Rolle in Jankels Leben gespielt hat. Dennoch, "Golem stiller Bruder" ist ein wichtiges Buch, das Jugendliche hoffentlich begeistern wird, trotzdem, oder besser gerade weil es sich nicht dem allgemeinen Harry-Potter-Trend anschließt, sondern seinen Lesern Mystik und Fantasy in einer ganz anderen, tieferen Weise näherbringt.
Ab 12
Die Rezensentin ist Chefredakteurin des Magazins hagalil.com.
Gotisches Ambiente In der Übersetzungsfalle: August und die Welt dahinter Von Dr. Horst Nägele, Assens
Alles und auch alles hängt in diesem Buch an dem dänischen Titel "August går i Glemmebogen" (wortwörtlich `August geht in das Vergessenbuch´), der auf einen alltäglichen dänischen Sprachbrauch baut und obendrein mehrdeutig ist - im Deutschen so nicht nachvollziehbar -und aus dem sich ein durchaus stimmiges Geschehen entfaltet. Die Sprache des Buches ist in Verbindung mit einer spezifisch dänischen Sozialisation zu sehen, die bekannterweise von den pädagogischen Verhältnissen in Deutschland himmelweit entfernt ist. In der deutschen Übersetzung durchschimmernd ein zwingender Verlauf in die Anderswelt einer Fantasy zum Teil mit gotischem Ambiente. Und zuweilen (siehe Seite 175 der deutschen Übersetzung) kommt es einem vor, als ob eine Vorliebe für Gewalttaten, Vergewaltigungen gepflegt werden wolle, womöglich auch noch verbunden mit einem Sich-Gefallen in der Opferrolle nach dem wohlbekannten mitteleuropäischen Motto Die Nazis waren die anderen. Die deutsche Übersetzung wirkt unklar, nicht treffend, in hohem Maße ungereimt, kann zudem niemals als vorbildlich für den Gebrauch der deutschen Sprache gelten, wie man es von einem deutschgeschriebenen KINDERBUCH erwarten darf.
August und die Welt dahinter Fischer Verlag 2007, 207 S., 10,90.- ISBN-10: 3596852331 ISBN-13: 978-3596852338 Ab 8
Der Rezensent ist Skandinavist und Autor des Buches "Lebenslanges Suchen. Zwischen Europa 1912 und immer wieder Afrika" (2007)
Von Sempé geadelt Aber ohne des Meisters Feinsinn: Der kleine Nick ist wieder da
(librikon) Natürlich gibt es Anlass dazu, kritisch zu sein. Irgendetwas wird Goscinny schon bewogen haben, diese Nick-Geschichten nicht in Buchform zu publizieren. Sie sind, so die Vermutung, einfach nicht ganz perfekt. Und das bestätigt sich: Im Vergleich zu den zu Goscinnys Lebzeiten herausgegebenen Büchern sind die Geschichten in „Der kleine Nick ist wieder da!“ schwächer. Das macht sich besonders in den Pointen bemerkbar, die nicht immer feinsinnig sind wie gewohnt, sondern manchmal glatt wie ein gespielter Witz daherkommen. Aber, Sie als Fan wissen das ja: Goscinny war ein Könner, und die Charaktere seiner Figuren sind dennoch wieder aus einem Guss: Gelungen, von feinem Humor getragen, liebevoll. Das ist ja das wichtigste: Dass wir durch diese Neuausgaben nicht Nick, Otto, Joachim, Roland verlieren. Sie entstammen eben der Feder des Meisters (ganz anders als die Asterix-Bände, die nur noch traurige Gerippe von den Hauptfiguren präsentieren). Sempé hat beim ersten „wiedergefundenen“ Band („Neues vom kleinen Nick“, 2005) noch die Abdruckgenehmigung seiner alten Zeichnungen gegeben. Ein wenig kritzelig sind sie – diesmal hat er neu illustriert (vielleicht erstmals?), und die Zeichnungen sind Kabinettstücke ihres Genres. Sempé hat seine illustratorische Entwicklung natürlich nicht zurückgefahren. Künstlerisch ein Spannungsfeld: Der unausgereifte, junge Goscinny mit dem geübten, alten Sempé. Diese Kombination hat etwas von Laborbedingungen. Das Ergebnis: Sempé adelt das Buch, Goscinny-Fans freuen sich dran – kaufen Sie’s!
Der kleine Nick ist wieder da Diogenes 2007 384 S., 19,90.- ISBN-10: 3257011210 ISBN-13: 978-3257011210 Ab 8
Bunt, aber nicht grell Geraffte Nacherzählung: Alice im Wunderland Von Christina Schorpp, Salem
An einem Weihnachtstag schenkte ein menschenscheuer Mathematiker der zwölfjährigen Alice Pleasance Liddell eine selbst erfundene Geschichte. Sie handelte von einem Mädchen, das in einen Kaninchenbau kriecht und eine merkwürdige Fabelwelt vorfindet. 140 Jahre später ist der Verfasser namens Lewis Carroll weltbekannt und sein versponnenes Märchen „Alice im Wunderland“ unzählige Male vervielfältigt. Soeben hat auch der Coppenrath Verlag eine weitere Ausgabe vorgelegt, erschienen in der Kinderklassiker-Reihe. Allerdings kann von einer Klassikausgabe kaum die Rede sein. Weder die doppelbödig-skurrilen Illustrationen der Originalausgabe, gezeichnet von John Tenniel, fanden bei Coppenrath Verwendung, noch Carolls Text. Zwar suggeriert das der Autorenname auf dem Buchdeckel, aber die vorliegende Geschichte stammt von Maria Seidemann, zeitgenössische Autorin zahlreicher Kinderbücher. Ihre Version ist eine geraffte Nacherzählung der Handlung, in der Carrolls feinhumoriger, manchmal melancholischer Erzählton fehlt. Sogar Carolls gesellschaftskritische Haltung ist kaum zu erahnen, obwohl seine erfrischende Verkehrung der vorgeblich rationalen Welt als subtile Parodie auf viktorianischer Etikette gilt. Diese Neuerscheinung wird somit literaturbegeisterte Erwachsene kaum erfreuen. Aber um die geht es auch nicht. Durch Konzentration auf die schlichte Wiedergabe des Geschehens ist der Text für Leseanfänger und Kindergartenkinder leicht zugänglich geworden. Und auch die visuelle Gestaltung signalisiert für wen dieses Buch gemacht ist. Das einladend fröhliche Titelbild ist mit roten Stoffborden verziert und lässt Kinder gerne zugreifen. Bücher mit samtigen Stoffelementen sind haptisches Vergnügen und derzeit topaktuell. Hier wird das Tor zu einer Anderswelt geöffnet, die niemanden verschreckt. Selbst wenn Alice fast in ihren eigenen Tränen ertrinkt oder eine Hinrichtung fürchten muss, bleiben die Bilder heiter und damit in Carolls Sinne. Schließlich schrieb er seine Geschichte um ein Kind zu erfreuen. Die aquarellierten Zeichnungen von Sophie Schmid sind bunt, aber nicht grell. Sie sind einfach gestaltet, aber doch mit vielen Details zum Betrachten. So lässt es sich gut träumen.
Alice im Wunderland Mit Bildern von Sophie Schmid Coppenrath Verlag 2007 56 S., 14,95.-
ISBN: 978-3-8157-4285-3
Die Rezensentin ist Literaturkritikerin mit Schwerpunkt Kinderbuch.
Für immer als Bösewichte Blauäugig: "Kim und die Verschwörung am Königshof" Von Maike Vogt-Lüerssen, Melbourne
Bei den Hauptgestalten ihres Buches, die wir auf ihrer Zeitreise ins 17. Jahrhundert begleiten, handelt es sich um den 13-jährigen Halbchinesen Kim Reimer, der vor Kurzem erst seine Mutter verloren hat und der zudem gerade den Kulturschock „gestern in Shanghai – heute in einem Dorf in der Nähe von Münster“ überwinden muss, seine 13-jährige Klassenkameradin und Tochter eines Nachbarn, die rothaarige und grünäugige Lisa Wagner, deren Bruder, den dicklichen Dennis, und deren kleinen weißen Hund Willie. Ermöglicht wird diese Reise in die Vergangenheit durch ein Abschiedsgeschenk von Kims chinesischem Großvater Kao, eine seltsame alte Uhr in einem Holzkasten, mit der er – wie sein Großvater ihm versicherte – jederzeit zu ihm nach Shanghai reisen könne, ohne „die schwerfälligen Flugzeuge“ oder „noch langsamere Schiffe“ benutzen zu müssen. Eigentlich hatte Kim auch geplant, seinen geliebten Großvater zu besuchen, aber durch einen unglücklichen Umstand wurden die Zeiger der Uhr durch ihn und Lisa in die falsche Richtung gedreht, so dass die beiden zusammen mit Dennis und dem Hund Willie schließlich in Paris im Louvre am 23. April 1617 landen, in dem gerade eine Verschwörung voll im Gange ist und in dem Dennis außerdem noch Zeuge einer Unterhaltung wird, in der über die Ermordung des jungen französischen Königs Ludwig XIII. gesprochen wird. Als unliebsame Zeugen dieses Gespräches geraten die Kinder sogleich in eine lebensgefährliche Situation. Da sie von ihrer speziellen Uhr getrennt werden und auf ihrer Flucht auch noch Willie verlieren und ihnen außerdem nur 24 Stunden zur Verfügung stehen, um in ihre eigene Zeit zurückzukehren, ist die Erzählung so spannend, dass man das Buch kaum beiseite legen kann. Aber das Werk hat leider ein sehr großes Manko. Zeitreisen setzen nämlich voraus, dass sich die Autoren bzw. Autorinnen intensiv mit der Epoche und den historischen Gestalten, die tatsächlich gelebt haben und die in diesen Erzählungen auftreten, beschäftigt haben. Das trifft jedoch bei Eva Maaser nicht zu. Zwar ist das 17. Jahrhundert als Zeit mit seinen krassen Klassenunterschieden zwischen den hohen Adligen und dem gewöhnlichen Volk, dem Ungeziefer, Läusen, Flöhen, Ratten, dem Dreck und Gestank, den eigenartigen Speisen und dem Pinkeln der Leute in alle Ecken gut dargestellt worden, aber die Autorin hatte sich ein ehrgeizigeres Ziel vorgenommen: Sie wollte ihre Leser und Leserinnen mit mehreren historischen Gestalten wie dem jungen französischen König Ludwig XIII., seiner Mutter, der französischen Königin Maria de’ Medici, und deren zwei engsten Vertrauten, dem Ehepaar Concino Concini und Leonora Galigai, und mit einem besonderen Ereignis in deren Zeit, der Verschwörung am Königshof, vertraut machen. Mangels genügender Recherchen wird z.B. Maria de’ Medici blauäugig und blond beschrieben – vermutlich sind diese Informationen den Gemälden von ihr entnommen worden – sie besaß in Wirklichkeit braune Augen und dunkelbraunes Haar, das nach der Sitte ihrer Zeit unter einer weißen oder rotblonden Perücke verschwand. Außerdem war ihre älteste Tochter nicht Chretienne, sondern Elisabeth (zuweilen auch Isabella genannt), und zum Zeitpunkt der Geschichte lebten an ihrem Hofe außer dem jungen König noch ihre Kinder Christine, Gaston und Henrietta Maria, das Nesthäkchen. Sich diesbezüglich nicht auszukennen, sind schwere Fehler in einer Zeitreise. Schließlich wusste am königlichen Hof bis hin zum niedrigsten Diener jeder über die königliche Familie und ihre Mitglieder Bescheid. Da es sich hier zudem um ein tatsächlich stattgefundenes Ereignis in der Geschichte handelt, eine Verschwörung am Königshof, ist es geradezu unverzeihlich, dass die Autorin in dem Konflikt bzw. Machtkampf zwischen Mutter und Sohn, zwischen der „lieblosen“ Maria de’ Medici und dem „pickeligen und stotternden“ Ludwig XIII., der in einer rührenden Szene für zwei von seinen Geschwistern „Pfannkuchen backt“, Partei für den Letzteren bezogen hat. Maria de’ Medici, die angeblich ihre Hunde lieber hat als ihre Kinder, und ihre Verbündeten, Concino Concini und dessen Gattin Leonora Galigai, werden bei den jungen Lesern mit Sicherheit keine Sympathiepunkte machen können. Letztere, die zudem mit „Hakennase, stechendem Blick, Strichmund und krallenartigen Händen“ versehen wurde, wird außerdem noch als „schwarze Spinne“ und „alte Hexe“ beschrieben. Während man in Märchen jederzeit zu diesen Begriffen gegenüber einer „bösen Frau“ greifen darf, haben diese jedoch nichts in der Geschichte zu suchen. In Wirklichkeit hatte die angeblich „lieblose“ Maria de’ Medici ihren Sohn Ludwig zu Lebzeiten ihres Gatten, des französischen Königs Heinrich IV., vor seinen häufigen Auspeitschungen durch seinen Vater schützen wollen. Durch diese drastische Form von Bestrafung wegen Ungehorsams wurde Ludwig XIII. überdies zum Stotterer. Der junge König Ludwig XIII. war zudem absolut nicht der liebe, fürsorgliche, junge Mann, wie Eva Maaser ihn in ihrem Buch darstellt. Seine Zeitgenossen beschrieben ihn als leicht jähzornig, grausam, rachsüchtig, egoistisch, sehr stur, streitsüchtig, überheblich, bedrohlich, ungeduldig, misstrauisch und vollkommen von seiner „Einzigartigkeit“ überzeugt. Wenn er Fehler machte, dann waren es stets die anderen, die Schuld hatten. Schon als kleiner Junge traktierte er sein Personal mit Tritten und Faustschlägen. Bei der Verschwörung am 24. April 1617 handelte es sich um den Machtkampf zweier politischer Lager am französischen Hof, die sich um die Königinmutter Maria de’ Medici und um den jungen König gebildet hatten. Maria de’ Medici, die ein enges Bündnis mit den Habsburgern in Österreich und besonders in Spanien wünschte und damit für Frieden in Frankreich sorgen und die den Katholizismus und die Stellung des Papstes fördern wollte, ging in diesem politischen Konflikt als Verlierer hervor. Ludwig XIII., der die Habsburger hasste und Frankreich zu seiner alten Glorie zurückführen wollte, was Krieg bedeutete, war der Gewinner, der die Geschichtsschreibung in seinem Sinne beeinflusste. Opfer seines Sieges waren unter anderem das Concini-Ehepaar, das hauptsächlich wegen seines ungeheuren Reichtums ermordet bzw. hingerichtet wurde. Es ist leider kaum zu hoffen, dass Kinder, die das Buch „Kim und die Verschwörung am Königshof“ gelesen haben, später als Erwachsene noch zu einer objektiven Betrachtung dieses komplexen und tragischen Geschehens und der beteiligten Personen am 24. April 1617 in der Lage sein werden. Maria de’ Medici, Concino Concini, der von den Zeitgenossen, die ihn persönlich kannten, als liebenswürdig und unkompliziert beschrieben wurde, und Leonora Galigai, die man in einem reinen Schauverfahren zum Tode verurteilte und die am Tage ihrer Hinrichtung am 8. Juli 1617 sich der Sympathie der Anwesenden sicher sein durfte, werden durch das Buch von Eva Maaser für immer als Bösewichte in die Geschichte eingehen. Obwohl ich das Buch für spannend geschrieben halte, hat es mich als Historikerin sehr enttäuscht.
Kim und die Verschwörung am Königshof Coppenrath 2007 208 S., 12,95.- ISBN-10: 3-8157-7878-6 ISBN-13: 9783815778784 Ab 12
Die Rezensentin ist Autorin mehrerer historischer Bücher und lebt in Adelaide. Unter anderem hat Maike Vogt-Lüerssen das Buch „Zeitreise 1 / Besuch einer spätmittelalterlichen Stadt“ (Taschenbuch, 288 Seiten, Books on Demand, ISBN-10: 3833424192 ISBN-13: 978-3833424199, 18,90.-) verfasst.
Wie ein Schwanenjunges zurückbleiben muss Kein bisschen kalt: Schwanenwinter Von Christina Schorpp, Salem
Bald ist Frühling. An einem See hat eine Schwanenfamilie überwintert. Jetzt ist es Zeit für sie aufzubrechen, in ihre Heimat im Norden zurückzukehren. Ein Schwanenjunges ist krank. Es stirbt, während die anderen fortfliegen. - Kann man so Kindern vom Tod erzählen? Der japanische Künstler Keizaburō Tejima kann es. In distanziertem Tonfall berichtet er in seinem Bilderbuch „Schwanenwinter“ über das Sterben. Und doch wirkt seine Geschichte kein bisschen kalt. Eher ruhig, sanft, geradezu zeitlos. Ebenso wie seine Illustrationen. Es sind Holzschnitte, überwiegend in Blautönen gehalten. Ein See, Berge, Himmel und Schwäne sind zu sehen. Die Schwäne tragen keine menschlichen Züge. Sie sind nicht als Individuen erkennbar. In ihren Gesichtern liegt kein Schmerz. Tejima zeigt sie als Tiere, die ganz natürlich Teil sind des Werden und Vergehens. Indem er Tiere Tiere sein lässt, anonym und austauschbar, weitet er gleichzeitig den Raum für menschliche Gefühle. Die Eltern wollen ihr sterbendes Junges nicht zurücklassen. Doch der Lauf des Lebens zwingt sie. Sie müssen sich auch um die Geschwister des Kleinen kümmern. Trotzdem stirbt das Schwanenjunge nicht einsam. Die Liebe seiner Familie ist immer bei ihm. „Schwanenwinter“ ist ein Buch, das nicht beschönigt. Es erzählt von Schmerz, Verlust, dem Zwang weiter machen zu müssen und das Leben zu akzeptieren wie es ist. Und es erzählt von Hoffnung, Verbundenheit, Grenzenlosigkeit. In „Schwanenwinter“ trennt der Tod nur körperlich. Wer dieses Buch liest und betrachtet, wird nicht unberührt bleiben. Es ist von bestechender Schönheit und Klarheit, wie ein Eiskristall.
Schwanenwinter Moritz Verlag 1996 48 S., 14,50.- ISBN-13: 978-3895650499 Ab 5
Die Rezensentin ist Literaturkritikerin mit Schwerpunkt Kinderbuch.
Ideen im Rohbau Und manchmal gehen selbst die aus: Herr Röslein
Doch kann man immer wieder in dem Buch den Rohbau der Ideen erkennen, zumal Ideen, die zwischendurch ausgegangen sind. Erklärungen (etwa, warum Moritz sich von dem fremden Herrn Röslein ansprechen lässt oder wieso jetzt über den Herrn Rösleins Parktiger nicht weiter in der Zeitung berichtet wird) verraten, dass immer kurz vor der Kinderwelt stehengeblieben wird, anstatt sie ganz in das Buch hereinzubitten. Und doch: Die Autorin sticht hervor, ihre Sprache stimmt, sie könnte, gibt man ihr die Chance, sich entwickeln. Dann könnten wir sie Ihnen als Klassiker ans Herz legen. „Herr Röslein“ jedoch ist für Sie nichts.
Silke Lambeck: Herr Röslein Bloomsbury 2007 120 S., 12.90.- ISBN-13: 9783827051974
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
copyright by librikon |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||